Einzelarbeit, Partnerarbeit, Gruppenarbeit - ständig wenden wir diese Sozialformen an, gebrauchen sie meist nach Schwierigkeitsgrad der Aufgabenstellung nach dem System "Je schwieriger es ist, desto mehr Schüler sollten sich gegenseitig helfen." Mein Problem - und sicherlich auch das vieler anderer Kollegen - ist dabei, dass die Gruppeneinteilung meist eher unwillkürlich nach dem alt"bewährten" Abzählverfahren oder nach dem Sitzplan geschieht, viel zu selten steckt hinter den Gruppen aber ein wirklich ausgereifter didaktischer Plan, denn viel zu oft haben wir die Rahmenbedingungen wie den Sitzplan nicht in der Hand.

In meinem letzten Post schrieb ich darüber, wie herrlich es wäre, die Gruppeneinteilung nach einem eingeübten Farb- und Symbolsystem vorzunehmen und als ich von Carola anschließend auf Twitter gefragt wurde, wie ich das denn meine, musste ich selbst noch einmal in mich gehen, um festzustellen, auf welcher konkreten Erfahrung aufbauend ich das denn eigentlich niedergetippt hatte. Ich wühlte ein bisschen in den pädagogischen Hirnwindungen und stellte fest, dass etwas, das den Titel "System" verdient hat, definitiv mit den Lehrproben in Zusammenhang steht, denn hier hatte ich (da ich bisher noch nie Klassenleiterin war) das Regiment über den Sitzplan und konnte dementsprechend schon an dieser Stelle einen Plan entwickeln, der Stärken und Schwächen der Schüler berücksichtigt und damit die Gruppeneinteilung erleichtert.

Wie aber kann das Einteilen von Gruppen planvoll gelingen, wenn man nicht die Hoheit über diese Entscheidungen hat (was weder immer möglich noch sinnvoll ist)? Aufbauend auf meinen bisherigen Erfahrungen und ein bisschen Träumerei habe ich mir Gedanken über ein praktikables System gemacht, die ich im Folgenden vorstellen möchte:

Als Anschauungsmaterial dient uns der abgebildete Sitzplan einer fiktiven siebten Klasse mit dreißig Schülern, der auf den ersten Blick sehr verwirrend aussieht, aber dieser Eindruck wird sich hoffentlich gleich in Wohlgefallen auflösen. Die Schüler sitzen in drei Reihen mit jeweils zehn Plätzen nach einer Sitzordnung, die sie selbst am Schuljahresanfang, an dem wir uns noch befinden, gewählt haben.

Das naheliegendste zuerst - Die Farbeinteilung

Da wir die Schüler noch nicht kennen, nehmen wir zuerst eine Farbeinteilung vor. Im hier gewählten Beispiel gibt es fünf Großgruppen mit je sechs Mitgliedern (was für gewöhnlich recht viel ist - wie gesagt, es ist zu Anschauungszwecken), die von Anfang an bei der Gruppeneinteilung immer die gleichen Farben erhalten: gelb, rot, blau, grün und lila - zu sehen in der Zeile unter dem Namen jedes Schülers. Gerade wenn es Einzeltische gibt und diese Reihen in kleinere Grüppchen gespalten sind, was bei uns häufiger vorkommt, macht es Sinn, den Schülern von Anfang an einen festen Arbeitspartner für Partnerarbeiten zuzuweisen, deswegen kommen die Farbtöne (jeder Schülername ist damit hinterlegt) ins Spiel: innerhalb der Großgruppen werden die Paare eingeteilt, indem ihnen Farbtöne zugewiesen werden. Hell-Lila 1 und Hell-Lila 2 (im Beispiel Leo und Lennard) arbeiten also immer zusammen, auch wenn ihre Tische vielleicht normalerweise nicht zusammengeschoben sind. Das verhindert Diskussionen, in denen aus den geforderten Paaren allein aufgrund der Sitzordnung selbstständig Dreiergruppen gebildet werden, obwohl es mit Paaren aufgehen würde.

Durch diese Einteilung kann zügig bestimmt werden, dass heute Großgruppenarbeit gemacht wird, wodurch den Gelben, den Grünen etc. gleich klar wird, dass sie ihre Tische zusammenschieben müssen. Ist dieser Teil eingeübt, erspart man sich das mühsame Einteilen und gewinnt durch die räumliche Nähe wertvolle Minuten. Gleichzeitig kann das System auch für später genutzt werden, wenn wir zur Binnendifferenzierung kommen, denn dieses Wissen kann auch nur für den Aufbau der Gruppentische genutzt werden. Braucht man fünf Gruppentische, lässt man immer zuerst diese aufbauen und verkündet dann, wer an ihnen Platz nehmen soll.

Einen Schritt weiter: Symbole und Möglichkeiten der Binnendifferenzierung

Das war bisher doch eher unspektakulär (womit ich nicht sagen möchte, dass dieser Post Spektakuläres beinhaltet), widmen wir uns also den Symbolen:

Der Gedanke hinter den Symbolen setzt voraus, dass wir die Klasse schon ein wenig kennengelernt haben und Kenntnisse über ihren Leistungsstand haben. Das ist am Schuljahresanfang natürlich nur der Fall, wenn wir die Schüer schon kennen oder ihre Noten aus den Vorjahren eingesehen haben, weswegen es Sinn macht, diese Einteilung erst nach ein paar Wochen vorzunehmen. (In Deutsch würde ich z.B. nach dem ersten Übungsaufsatz darauf zurückgreifen.) Man kann allerdings - gerade bei älteren Schülern - eine Selbsteinschätzung vornehmen lassen, die bereits erste Anhaltspunkte gibt und nach der sich die Schüler zunächst selbstständig anhand eines Fragebogens und einer festgelegten Punkteverteilung für die Antworten in Gruppen einteilen.

Kleines Beispiel:

  • Wie sicher fühlst du dich in der Rechtschreibung und Zeichensetzung/ beim Verfassen von Aufsätzen allgemein/ bei der Interpretation von Gedichten/ beim Lesen und Verstehen von Sachtexten etc.?
    • 1 Punkt gar nicht sicher
    • ...
    • 5 Punkte absolut sicher

Im vorliegenden Beispiel habe ich Spielkarten verwendet, denn hier bieten sich gleich zwei Optionen für die Symbolik: Einerseits die Farben, andererseits die Kartenwerte #wartetdaraufvonskatbrüderngemeucheltzuwerden. Erklären wir es am Beispiel:

Hanna hat einen tollen Übungsaufsatz abgeliefert, ist im Mündlichen sehr engagiert und bringt gute Beiträge. Für den schriftlichen Bereich habe ich die Kartenwerte gewählt, Hanna bekommt also ein Ass, das für die leistungsstärkste Gruppe in der Klasse steht. Die mündlichen Beiträge werden durch die Farben symbolisiert, in diesem Fall steht Herz für die sehr guten und guten mündlichen Leistungen, dies wird Hanna also als Spielkartenfarbe zugeordnet.

Ein Spicker für die Gruppeneinteilung

Damit Hanna nicht vergisst, zu welchen Gruppen sie gehört, kann sie eine Spielkarte bekommen, auf der alle wichtigen Informationen stehen. Diese kann man recht einfach selbst digital basteln und ausdrucken - rein praktisch gesehen genügt es aber auch, wenn die Schüler ein Etikett auf ihr Heft oder in ihr Mäppchen kleben, damit sie einen "Spicker" haben und nicht immer nachfragen müssen, denn kaum etwas hält beim Aufbau mehr auf als die Frage "In welcher Gruppe bin ich nochmal, Frau Wehpunkt?".

Schließlich hat also jeder Schüler - Hanna war ja nur ein einzelnes Beispiel - eine Karte, der verschiedenste Arten der Gruppeneinteilung festlegt und damit das Arbeiten erleichtern sollte. Ich fasse zusammen:

  • Hanna ist in der Großgruppe Lila, deswegen arbeitet sie, wenn nach Farben eingeteilt wird, immer mit Pia, Maria, Theresa, Leo und Lennard zusammen. Werden Gruppentische gebraucht, stellen diese sechs Schüler ihre Tische zusammen.
  • Hannas Farbton ist Mittel-Lila (auch wenn es doof klingt), deswegen weiß sie, dass sie Partnerarbeiten mit Theresa erledigt. Ist Theresa krank und sonst niemand, geht sie zu einer der anderen Paarungen aus der Großgruppe Lila.
  • Hannas Symbol ist das Ass und ihre Spielkartenfarbe das Herz. Bei binnendifferenzierten Arbeiten können sich alle leistungsstarken Schüler im schriftlichen oder mündlichen Bereich - also die Asse oder die Herzen - schnell an einem der Gruppentische einfinden.

Dieser Plan soll zeigen, dass die Großgruppen-Farben auch für das binnendifferenzierte Arbeiten ihren Nutzen haben: Wenn das Aufstellen der Tische in Farbgruppen von Beginn des gemeinsamen Arbeitens an geübt wird und die Spielkartenfarben und -symbole später hinzukommen, kann auch eingeübt werden, dass der Aufbau eine Sache der Großgruppen ist, aber erst danach festgelegt wird, welche Schüler in dieser Stunde an einem Gruppentisch arbeiten. Dadurch entfällt das lästige Suchen nach den Verantwortlichen für den Auf- und Abbau, wenn zuerst eine Gruppe eingeteilt wird, die nicht beisammen sitzt.

Haben wir fünf Groß- und vier Spielkartengruppen, bleibt zunächst immer ein Tisch frei. Das macht aber nichts, denn hier bietet sich zusätzlicher Platz für Aufgaben für die besonders schnellen, Einzelgespräche oder Materialien, die nicht das Pult belagern sollen. Häufig sind die nach Leistung sortierten Gruppen auch unterschiedlich groß, sodass mit dem fünften Tisch eine Teilung besonders großer Gruppen vorgenommen werden kann.

Kommen wir zum letzten der Pläne, an dem - wie ich hoffe - das ganze Trara um Farben, Farbtöne, Spielkartenfarben und Spielkartensymbole am besten ersichtlich wird: Bisher haben wir recht stabile Gruppen eingeteilt, berechtigterweise könnte man sich also fragen, wozu es für jeden Schüler eine Karte braucht, wo man doch alle diese Parameter auch mit einer Excelliste verwalten kann, deren Zeilen man nach Bedarf sortiert und via Beamer an die Wand projiziert. (Für alle, die noch OHP-Folien schreiben müssen, sollte der Mehrwert schon vorher einsetzen... 😉)

Auch hier gehen wir davon aus, dass die Farbgruppen zuerst die Gruppentische aufgebaut haben. (Bei leicht zu verwirrenden Klassen enthält die nächste Folie, mit der wir die Sitzordnung deutlich machen, keine Farben mehr, sondern nur noch Umrisse - is klar, ne?) Statt die Leistungsstarken und -schwachen untereinander arbeiten zu lassen, wollen wir heute mit gemischten Gruppen arbeiten. Gerade in jüngeren und/ oder schwer pubertierenden Klassen kann man aber sein blaues Wunder erleben, wenn man die Gruppen vorab nach Namen einteilt, denn wenn man Pech hat, gab es am Wochenende Streit um die Playstation, eine mittelschwere Beziehungskrise oder Zickenkrieg darum, wer sich denn nun das tolle Oberteil kauft. Auch diesen Diskussionen kann man möglicherweise durch das Farb- und Symbolsystem ausweichen, indem man zur Gruppeneinteilung gleich noch eine kleine Knobelaufgabe stellt.

Beispiel: Wir wollen Übungsaufsätze überarbeiten und deswegen leistungsstarke und -schwache Schüler mischen. Normalerweise würde das bedeuten, Stunden über dem Sitzplan zu brüten und sich daran zu erinnern, ob Lennard noch mit Maja aus der Parallelklasse Händchen hält und deswegen für Marion ein rotes Tuch ist oder ob die endlich Dereks Werben nachgegeben hat (vielleicht wäre das eher eine fiktive achte Klasse...hehe ^^). Was für ein Stress, dann lieber Frontalunterricht! 😜  Wir lassen also wie gewohnt die Farbtische aufbauen und stellen dann die Aufgabe, dass jeder Tisch mit einer gewissen Anzahl an Assen, Königen, Damen und Buben besetzt werden muss. Dafür müssen wir nur eine Liste mit uns führen, auf der steht, wie viele Mitglieder die Spielkarten-Gruppen haben, was aber kein Problem ist, wenn man sie gleich nach der Einteilung zählt und die Anzahl notiert. So sind wir aus der Wer-mit-Wem-Nummer fein raus, haben aber trotzdem den Differenzierungseffekt. Auch diese Art der Einteilung wird im ersten Anlauf Übung erfordern, aber man kann ja auch zuerst die Buben, dann die Damen etc. losschicken, um Tumulte zu vermeiden. Wenn alle Mitglieder der Gruppen gleichzeitig losschießen, sollte hoffentlich auch der berühmte Letzter-gewählter-Spieler-im-Sportunterricht-Effekt vermieden werden.

Frau Wehpunkt wagt ein Fazit

Ich hoffe, ich konnte diesen recht abstrakten Beitrag einigermaßen anschaulich gestalten und erklären, wie ich mir ein funktionierendes Farb- und Symbolsystem vorstelle. Letztendlich soll es dazu führen, dass sich mit der Zeit möglichst viele Regieanweisungen erübrigen, weil die Schüler wissen, zu welcher Gruppe sie gehören, gleichzeitig soll aber ein hohes Maß an Flexiblität erhalten bleiben, denn was gibt es weniger Ertragreiches als eingefahrene Gruppenarbeitssituationen, in denen die immer gleichen Asse die Arbeit machen und die Buben sich ausruhen - wohl wissend, warum sie sich zu Schuljahresbeginn in eine gewisse Ecke des Klassenzimmers gesetzt haben.

Kombiniert man die differenzierte Einteilung mit Anweisungen wie "maximal zwei aus der farbigen Großgruppe an einem Tisch", sollte man gleichzeitig das flexible Arbeiten mit verschiedenen Klassenkameraden fördern können, ohne ins Nölen zu verfallen und Justin-Jeremy vorzuhalten, dass er nie, nie, nie mit der letzten Reihe zusammenarbeite.

Dieser Beitrag ist nur eine Skizze meiner Vorstellungen, aber ich hoffe sehr, dass ich damit eine Anregung für Kolleginnen und Kollegen schaffen konnte. Ich bin überzeugt, dass sich die Erarbeitung einer grundlegenden Einteilung, die am Schuljahresanfang sicherlich zusätzlichen Aufwand bedeutet, schnell bezahlt machen kann, wenn das System regelmäßig angewendet wird, Routine ins Geschehen kommt und - natürlich - entsprechende differenzierende Aufgaben gestellt werden, die den Nutzen zur Entfaltung bringen können.

Nicht zuletzt bietet es gleichzeitig die Gelegenheit, die eigene Einschätzung der Schüler hin und wieder kritisch zu hinterfragen, denn Leistungssteigerungen und -abfälle können durch Veränderungen der Spielkarteneinteilung schnell angepasst werden, denn ein Symbol zu überkleben oder übermalen kann dem Schüler selbst aufgetragen werden und erfordert keine Minute Aufwand.

Ich würde mich sehr über Rückmeldungen, Feedback und vor allem andere praktikable Tipps in Sachen Sitzplan, Gruppeneinteilung & Flexibilität freuen!

Alles Liebe

Kristina


Creative Commons LizenzvertragWie für alle Beiträge dieses Blogs gilt: Die Frau mit dem Dromedar von Kristina W. ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz.

Kommentar verfassen