Die Bildungspunks haben zur Blogparade gerufen, das Thema lautet "Neue Raumkonzepte für Klassenzimmer" und ich möchte mich gerne mit einer kleinen Sammlung aus Träumen und Albträumen daran beteiligen.

Banal Frontal - aber immerhin mit Schließfächern für die Schüler

Rückblende, Sepiafärbung, Bildrauschen: Frau Wehpunkt in den ersten Wochen des Referendariats. 

Wenn ich so zurückdenke, dann war das erste Halbjahr des Unterrichtens und Hospitierens von einer Fülle ungewöhnlicher Räume geprägt: Während draußen die Sonne schien und von goldenem Oktober kündete, schwitzten wir auf unseren Klappstühlen selbst beim Zusehen im Unterricht, wenn wir im Neubau saßen, in dem aufgrund von Sicherheitsmaßnahmen #pragerfenstersturz vorhandene Fenster nicht komplett geöffnet, sondern nur gekippt werden können. Meine Stunden in Geschichte und Sozialkunde hielt ich in einem Kellerverlies mit Feuerschutztür, ein langer Schlauch voll mit Zehntklässlern, die jede Stunde weiter nach hinten zu rücken schienen. Für die Deutschstunden in den Ausweichräumen lief ich vom Hauptgebäude 10 bis 15 Minuten und plante weitere 15 Minuten Vorlaufzeit ein, um einen tragbaren Beamer zu organisieren und eine Steckdose zu finden, die bereit wäre, dem technischen Gerät Strom zur Verfügung zu stellen, ohne mich dabei zeitgleich zu grillen. Dabei hatte ich die Wahl zwischen einem Raum, in dem die Seminarleiterin quasi in der Garderobe an der rückwärtigen Wand saß oder einem, in dem sie hinten hätte tanzen können, ich aber vorne nur ein nicht-interaktives Whiteboard hatte, das anstelle der Tafel installiert, aber so klein war, dass die Schüler überlegten, Ferngläser mitzubringen, um den Hefteintrag zu übernehmen.

Raumgestaltung mit Verfallsdatum - Wanddeko nach einem Frühlingsgedichte-Wettbewerb

In der Lieblingsschule hat sich auf den ersten Blick einiges verändert, das Gebäude ist deutlich moderner, die Raumausstattung ist zuverlässiger, es gibt in jedem Raum eine große Kreidetafel, PC und Beamer, meine beiden siebten Klassen haben Schränke und Schließfächer in ihren Zimmern und diese sind jeweils an einen Intensivierungsraum angeschlossen, der es ermöglicht, die Klasse zu teilen, ohne dafür einen zweiten großen Raum buchen zu müssen. 

Diese Details sind im Vergleich zu den Räumlichkeiten am Beginn meines Referendariats luxuriös, dennoch gibt es mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede, denn die monolithische Frontalanordnung Tafel - Pult - Schülertische ist ebenso gleich geblieben wie die Tatsache, dass es sich um KLASSEN- und nicht um LEHRERräume handelt. Wenn ich im Folgenden ein bisschen von einem angeeigneten Raum träume, dann basiert dieser auf dem, was gemeinhin als Lehrerraumprinzip* bekannt ist.

*Ein System, nach dem die Schüler in das Zimmer des Lehrers kommen und nicht umgekehrt. Einige Schulen haben dieses System bereits, in den Fachräumen der Naturwissenschaften, der Musik und der Kunst oder in den Sportstätten liegt eine Teilumsetzung dieses Konzepts vor.

Wenn die Klassenzimmerfee mir meine Wünsche erfüllt hätte...

...dann käme ich am Morgen ins Lehrerzimmer, aber nur um mit den Kollegen noch einen Kaffee zu trinken und ein wenig Austausch zu betreiben, nach aktuellen Neuigkeiten aus dem Sekretariat zu sehen und Kopien anzufertigen. Frisch koffeiniert  und mit leichtem Gepäck schlösse ich meinen Lehrerraum auf, ein Blick in die Runde ließe direkt die klare Aufteilung erkennen: Tafel, Pult und Schülertische sind geblieben, wenn auch die Schülertische feststellbare Rollen bekommen hätten, um sie für Gruppenarbeiten zügig neu anordnen zu können. Dahinter - das Klassenzimmer scheint eine kleine Verlängerung durch die Fee bekommen zu haben - fände sich in einer Hälfte eine Leseecke, denn ich wollte schon immer eine kleine Bibliothek im Klassenzimmer haben, wie soll man den Schülern die Recherche in Printmedien und deren Mehrwert nahebringen, wenn außer dem klassischen Schulbuch keine im Raum sind? In der anderen Hälfte - der Sachaufwandsträger war großzügig - digitale Arbeitsstationen. Die Raumtrenner zwischen den verschiedenen Bereichen nähmen bereitwillig das Unterrichtsmaterial, Bastelutensilien und pädagogische bzw. fachliche Helfer auf - kein Wunder, dass meine Tasche auf dem Weg in die Schule so leicht wäre!

Kurz vor dem Gong zur ersten Stunde strömten die SchülerInnen ins Zimmer. Die Sitzordnung im "Normalzustand" wäre festgelegt, weil ich PC und Beamer aber schon weit vor ihrem Eintreffen angeworfen hätte, sähen sie aber direkt nach der Begrüßung, welche abweichende Sitzordnung sie aufbauen müssten - die Folie könnte direkt gezeigt werden und das Farb- und Symbolsystem wäre nicht nur eingeübt, sondern dank der bereits vorhandenen und in die Arbeitsphasen leicht einzubeziehenden Arbeitsbereiche und der rollbaren Tische schnell aufgebaut, selbst die Kleinsten müssten nun keine großen Kraftanstrengungen mehr für eine Gruppenarbeit unternehmen. 

Selbstverständlich gäbe es ein paar Fragen zu den Arbeitsaufträgen - aber es liefe deutlich entspannter, denn die klare Aufteilung und die Beschriftungen der Materialien, die den SchülerInnen zur Verfügung stehen, ermöglichten es ihnen, selbst Hilfe zu suchen, bevor sie die Lehrkraft fragen müssten. Die anfängliche Befürchtung, sich durch diesen Raum abzuschaffen, hätte sich dennoch schnell als unbegründet erwiesen, denn die Zeit, die ich durch die Mittel zur Selbsthilfe gewönne, könnte ich nutzen, um individuelle Rückmeldungen zu geben. Die digitalen Arbeitsplätze würden mir dabei die Arbeit um einiges erleichtern, schließlich könnte ich einzelnen Schülern über Online-Arbeitsanweisungen direkt mit Übungen versorgen und sie diese bearbeiten lassen, statt dies in die häusliche Nachbereitung zu verlagern, weil gerade weder ein Kopierer noch ein PC zur Hand sind.

Die Schüler hätten selbstverständlich anfangs ihre Einwände gegen diese - in ihren Augen besonders krasse - Veränderung, schließlich verlören sie innerhalb der Schule ihren Stammplatz. Gerade für die Kleinsten am Gymnasium wäre es eine enorme Veränderung, schließlich sind sie, ihre Klassenlehrkraft und ihr Klassenzimmer in der Grundschule ja eine selten zu trennende Einheit gewesen. Aber ich glaube, dass sie sich schnell daran gewöhnen würden, denn wenn wir die Pausen und die Zwischenstunden betrachten, dann finden wir die Schüler - gerade in der Mittelstufe - doch häufig in den Gängen, wo sie Freunde treffen, die nicht in ihrer Klasse sind, auf dem Pausenhof, wo man viel besser spielen kann oder auf den (bisher natürlich noch in geringer Zahl vertretenen) Sitzgelegenheiten im Schulhaus. Ich glaube, dass sie deutlich flexibler wären, als wir es vielleicht von ihnen annehmen mögen, wenn wir über eine solche Veränderung nachdenken. Sie stellen sich ohnehin fast jede Stunde auf ein anderes Fach, einen anderen Kollegen, oft jetzt schon auf andere Räume (Sporthalle, Chemie-, Physik- und Biologieräume, Kunst- oder Werkraum, Musiksaal, spontaner Klassenzimmerwechsel, Computerraum) ein, dass sie diese Veränderung sicherlich mit dem ihrem Alter so unvergleichlich innewohnenden Gleichmut hinnehmen würden, wenn man ihnen eine gewisse Eingewöhnungszeit dafür gäbe. (Wir bräuchten sie ja auch.)

Ich mag Kreidetafeln. Und Kreidefinger. Damit gehöre ich aber wohl zu einer aussterbenden Art.

Ich könnte stundenlang träumen...

  • ... und die Details dieses Klassenzimmers beschreiben, mir die Vorteile der vorhandenen Materialschränke erträumen - wie schön wäre es, wirklich spontan Grammatik-Memory zu spielen?
  • ...und mir den reduzierten negativen Gesprächsstoff in der Kaffeeküche auszumalen, wenn man einfach zwischen einem Zimmer mit Kreidetafel und einem mit Interactive Whiteboard wählen könnte, statt die Ressourcen immer dann zu haben, wenn sie einem gerade nichts nutzen.
  • ...von einem entlasteten Rücken.
  • ...von kunterbunten Wänden.
  • ...von eifrigen Schülern, die selbst nachschlagen, statt im Glauben gelassen zu werden, Informationen könne innerhalb der Schule nur die Lehrkraft geben.
  • ...letztlich vielleicht sogar von weniger Zeiten für Nacharbeit und Elternbriefe, weil einfach mal ein Klassensatz der richtigen Lehrbücher vorhanden wäre und die neverending story "Frau Weeeehpuuunkt! Wir haben alle die Bücher vergessen!" damit einfach obsolet wäre.

Hach, Freunde! Wäre det nich wundascheen?

Wenn ich nicht Lehrerin, sondern Regisseurin wäre...

Nichts, aber auch gar nichts von dem, was ich mir wünsche, ist neu. Zumindest konzeptionell nicht. Dennoch hätte es für meinen Unterricht revolutionäre Effekte. Ich will dies an einer Metapher verdeutlichen:

Stellen wir uns vor, ich wäre nicht Lehrerin, sondern Regisseurin an einem Theater. Meine Schüler sind die Schauspieler und jede Stunde ist ein neues Stück. Aber außer der Bühne ist nichts da - keine Requisiten, keine Kostüme, nur die Schauspieler und der Text (und den habe ich vorher kopiert). Weil ich nicht allein an diesem Theater inszeniere, spielen wir mal auf der großen und mal auf der kleinen Bühne, mal im Keller-Probenraum und mal in der Garderobe.

Es gibt Stücke, die wirken allein durch ihre Sprache, durch Mimik und Gesten, denn sicherlich kann man auf Godot in Jeans und T-Shirt warten, auf der Bühne ohne Requisite sitzend. Man kann lesen und vortragen, üben und verstehen, sich das Szenario vorstellen.

Aber was ist, wenn wir "Romeo und Julia" spielen und keinen Balkon haben? Er ist zu schwer, um ihn mitzuschleppen. Was, wenn wir eine Massenszene spielen? In meine große Tasche vom Möbelschweden, den Lastenesel eines jeden Lehrers, passen gerade mal Sport-Leibchen in verschiedenen Farben, damit wir die gegnerischen Seiten einer Schlacht auseinanderhalten können und den Anführern basteln wir schnell ein Krönchen aus Pappe - oder wie?

Werden die Schauspieler auf Anhieb verstehen, worum es geht? Und was ist mit der Aufführung, der Prüfung, ob die Proben erfolgreich waren? 

Dieser Vergleich mag überspitzt erscheinen und vielleicht mag er hinken, wenn man darüber nachdenkt. Aber wenn wir davon ausgehen, dass jede Stunde eine Inszenierung sein soll, dramaturgisch geplant und mit kathartischen Effekten für die Audienz, dann ist es vielleicht gar nicht so weit hergeholt, dass ein Lehrer, der zwischen den Räumen hin- und herspringt, seine Requisiten und die Kostüme mitbringt und wieder einsammelt, selten so inszeniert, wie er es könnte, wenn ihm all das zur Verfügung stünde.

Flexibilität und Erfahrung helfen uns dabei, die Räume zu nutzen, die wir haben, in ihnen zu arbeiten und über das Fehlende hinwegzusehen. Solange man über den Tellerrand blickt und an sich und dem Unterricht arbeitet, bleibt der Traum vom Raum dennoch bestehen, gerade in Zeiten rasant fortschreitender Digitalisierung wird es immer einen Wunsch geben, der  - noch nicht erfüllt - augenblicklich Junge bekommt.

Das Klassenraumprinzip führt  - meiner Erfahrung nach - dazu, dass Anschaffungen immer damit verbunden sind, sie flächendeckend für eine ganze Schule einzuführen oder einzelne Geräte anzuschaffen und diese dann mit dem Euphemismus "mobil" oder "tragbar" zu versehen, der vor den Nutzen immer einen Mehraufwand stellt, um erst einmal zu testen, ob man sie überhaupt brauchen könnte.

Vielleicht wären wir flexibler, vielleicht könnten wir mehr Interesse an Neuerungen fördern und Anregungen geben, wenn gerade die Räume eben nicht alle gleich gestaltet und damit für alle flexibel zu wechseln, aber nicht für den einzelnen flexibel zu nutzen sind? Vielleicht würde es den Austausch und die Frage "Was machst du denn damit? Zeig mir das doch bitte mal!" fördern, wenn keiner mit einem Interactive Whiteboard und seinen "Features" überfahren würde, der die Kreidetafel seit 30 Jahren so interaktiv nutzt wie kein zweiter? Vielleicht kämen wir über das Lehrerraumprinzip weg vom aktuell gedrittelten Arbeitsplatz (Klassenzimmer - Lehrerzimmer - häusliches Arbeitszimmer), der dazu führt, dass man entweder die nötige Ruhe oder alle Materialien parat hat?

Solange ich in Räumen arbeiten darf, in die alle Schüler hineinpassen, in denen ich keinen Stromschlag bekomme und in denen ich ein Fenster öffnen kann, wenn ich es will, weiß ich, dass ich mich eigentlich nicht beschweren kann. Aber man wird ja wohl noch träumen dürfen. Von einem Raum, in dem und mit dem man arbeiten kann.


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