Abstract

Worum geht's? Die Medien beschreien das "Ende der Kreidezeit", die Finanzmittel aus dem DigitalPakt hat noch keiner wirklich gesehen, die Kollegen wissen immer noch nicht, wie das mit dem ganzen Medienkram eigentlich geht und irgendwo in Bayern hat gerade wieder die Lampe eines Tageslichtprojektors den Geist aufgegeben. Weil Ferien sind, die Frau mit dem Dromedar Robin Hood spielen und die Digitalisierung der Schulen alleine stemmen will #ironie, bildet dieser Artikel den fulminanten Auftakt zu einer Reihe von Tutorials für digitale Frischlinge.

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Für T.

Diesen Post als Auftakt zu einer Serie von Tutorials widme ich meiner Kollegin T., weil sie diejenige war, die sich getraut hat, zu fragen, wie man denn eigentlich (schöne) Arbeitsblätter mit Word erstellt und die mir damit gezeigt hat, dass jeder Artikel über Digitalisierung nur halb so sinn- und wirkungsvoll sein kann, solange wir nicht endlich anfangen, die Kollegen da abzuholen, wo sie stehen und uns Digitalisierten nachschauen, sich fragend, wann sie den Zug zum "modernen Unterricht" verpasst haben. Jeder Moment, in dem einer von ihnen mit schlechtem Gefühl denken muss, dass sein Unterricht schlechter sei, nur weil er mit den "Zauberkisten" nichts anfangen kann, ist ein verlorener.

"Das Ende der Kreidezeit"

Überspitzt formuliert, sieht das aktuelle Bild von Schule etwa so aus: Während sich die Masse der Lehrenden (also die "Analogen") noch in der "Kreidezeit" befindet, kämpft eine kleine Gruppe von Vorreitern (also die "Digitalen") mit Smartboard-Schild und Laserpointer-Schwert gegen sie an, um endlich den Sieg für das unterdrückte Volk der "Digital Natives" zu erringen - jene Ureinwohner in digitalen Gefilden, die ja eigentlich schon durch die Muttermilch für die Nutzung digitaler Endgeräte qualifiziert sind, von den Analogen allerdings zur Nutzung des kreidenen Faustkeils gezwungen werden, um ihre Ziele zu erreichen.

Dies war zumindest der Eindruck, den ich durch die Lektüre verschiedener Artikel zum Thema "Digitalisierung" im Rahmen des "DigitalPakts" gewonnen habe. Während ich die Aussicht auf Finanzmittel für die technische Ausstattung aller deutschen Schulen als überaus begrüßenswert erachte und ich es toll finde, dass Kollegen, die in Sachen digitaler Unterricht wirklich einen super Job machen (soweit man das aus der Ferne des Internets beurteilen kann ^^), in den Medien Beachtung finden und über ihre Arbeit berichtet wird, so sehr nervt mich diese Schwarz-Weiß-Malerei, die betrieben wird, wenn es um die Charakterisierung von Kollegien in Sachen Digitalisierung geht.

Mein Problem damit ist nicht, dass ich nicht wüsste, dass etwas Wahres dran ist, wenn geschrieben wird, dass viele Lehrer mit digitalem Unterricht nichts am Hut haben und dass es immer noch eine Sache weniger ist, sich diesem Thema zu widmen und mit den modernen Medien im Klassenzimmer zu jonglieren - klar, denn wäre es selbstverständlich, dann müsste ich mich ja nicht darüber auslassen. Was mich aber ganz gewaltig stört, ist, dass damit automatisch denen, die die Finanzierungs- und damit einhergehend Ausstattungs- und Weiterbildungsversäumnissen in den letzten Jahren und Jahrzehnten verschuldet haben, das Wort geredet wird, weil es ja doch die paar Wenigen gibt, die es einfach tun, digital unterrichten, ganz egal wie widrig die Umstände sind - dieser Eindruck entsteht zumindest gerade bei denen, die in die Diversität der Ausbildung Lehrender keinen Einblick haben und damit steht automatisch die Frage im Raum, warum es die anderen nicht tun, denn diese Lehrer, ja verd*** nochmal, die wissen und können doch eh immer alles! Also wollen die anderen das wohl einfach nicht und ziehen ihren Stiefel halt einfach durch, bis zur Pensionierung, denen ist es ja auch egal, ob die lieben Kleinen auf das echte Leben vorbereitet werden... Halt, ich drohe abzuschweifen.

Von Äpfeln und Birnen

Wie allein schon an der angedachten Zahl von fünf Milliarden, um die es im "DigitalPakt" geht, ersichtlich wird, gibt es gewisse Anhaltspunkte, die auch in der Bundespolitik soweit geführt haben, dass man den Stand der Dinge in Sachen Digitalisierung als - gelinde ausgedrückt - verbesserungswürdig ansieht. Ich will die politischen Rahmenbedingungen an dieser Stelle nicht weiter ausführen, denn ich bin mir durchaus bewusst, dass ich daran heute, morgen und auch übermorgen nichts zu ändern vermag.

Ein kleiner Exkurs sei mir an dieser Stelle gestattet, um meine Position zu veranschaulichen: Während ich so über die Digitalisierung in der Schule nachdachte, kam mir meine  Schwester in den Sinn, mit der ich mich - Ferien sei Dank - momentan sehr häufig nach ihrem Feierabend zum Sport treffe. Sie arbeitet in der Buchhaltung und erzählt natürlich auch allerhand anschauliche Schwänke aus dem Großraumbüro-Alltag. Ich weiß, wer ihr regelmäßig den Joghurt aus dem Kühlschrank wegisst und dass die gleiche Person regelmäßig alle Mails ausdruckt und abheftet, natürlich mit Posteingangs-Stempel versehen. Ich kenne die Marotte der Kollegin, die montags früher kommt, um die Orchideen zu wässern und ich weiß, an welchem Wochentag der hübscheste Postbote unterwegs ist. Ich habe aber noch nie von einem Kollegen gehört, der auf seiner Schreibmaschine beharren würde und darüber meckert, dass es SAP nicht für die gute alte "Adler" gibt.

Was ich damit sagen will? Es fasziniert mich immer wieder auf's Neue, dass wir Lehrer noch diese "Wahl" haben (die ja oft keine ist - Hashtag #Alternativlosigkeit) zwischen digital und analog, zwischen Kreidetafel und Beamer und dass es uns deswegen angekreidet *hüstel* wird, dass unser Unterricht nicht digital läuft. Es mag sein, dass unsere Kollegien nicht die Branche sind, die als besonders digitalisierungsfreundlich gilt. Gleichzeitig muss aber auch einfach mal festgestellt werden: Die Mehrzahl der Arbeitnehmer in Berufen, für die man eine ordentliche Berufsausbildung durchlaufen muss, werden in dieser Zeit auch in den benötigten PC-Programmen geschult und erhalten regelmäßige Fortbildungen bei Änderungen. Diese Fortbildungen anzubieten, wird in vielen Branchen glücklicherweise dadurch erleichtert, dass es im wahrsten Sinne des Wortes einschlägige Programme gibt, die die Bedürfnisse des Unternehmens oder zumindest einzelner Abteilungen abdecken. Es steht den Arbeitnehmern also insgesamt nicht frei, zwischen Steintafel, Hammer und Meißel, einer Schreibmaschine oder einem Laptop zu wählen, dafür zahlen sie dieses Arbeitsgerät normalerweise auch nicht selbst und haben es am Arbeitsplatz zur Verfügung.

Natürlich, gerade diese Freiheit der Arbeits- und Unterrichtsgestaltung mag einen gewissen Anteil am Reiz dieses Berufs haben, denn gerade bei der Arbeit mit der Klasse muss man die Medien und Methoden wählen, die zur Lerngruppe und zum Lehrenden passen. Das hat aber eben auch zur Folge, dass die Digitalisierung des Lehrenden (der über die Digitalisierung der Lernenden zumindest innerhalb seines Unterrichts bestimmt) in größerem Maß von seinem Grad an Freiwilligkeit und Interesse abhängt als von den Geräten, die der Arbeitgeber zur gefälligen Nutzung zur Verfügung stellt und dem Konsens, der im Zuge des Fortschritts innerhalb eines Unternehmens über die Arbeitsmittel hergestellt werden muss. Insgesamt würde es mich also wirklich mal interessieren, ob die Digitalisierungsfreude in anderen Berufsgruppen auch dann noch signifikant höher als bei uns Lehrern wäre, wenn man uns genauso früh dazu "gezwungen" hätte bzw. anderen Berufsgruppen länger die Wahl zwischen PC und Schreibmaschine gelassen hätte.

Nostalgistan

Aufgrund meiner Fächerkombination treibe ich mich seit Studienbeginn und nun auch im Lehrerzimmer natürlich vorwiegend mit Geisteswissenschaftlern herum und ich kann beim besten Willen nicht sagen, dass diese eine uninteressierte Spezies wären - im Gegenteil - dennoch sollte es keinen verwundern, dass die meisten von ihnen den Informatikern in Sachen Technikaffinität dann doch meistens etwas nachstehen. Betrachte ich mein Studium und mein Referendariat, dann ist das auch nicht weiter verwunderlich, denn meine Dozenten waren - abgesehen von rühmlichen Ausnahmen wie @mediendidaktik_ - eher in Nostalgistan als in Digitalistan zuhause und statt sich über die mangelnden Digitalkenntnisse der aktuellen Studentenschaft zu kümmern, betrauten sie ihre HiWis mit den anfallenden Computeraufgaben, um selbst in der Erinnerung an die eigene Magister- und vielleicht sogar noch Doktorarbeit schwelgen zu können, die entweder man selbst oder eine wohlmeinende des Zehn-Finger-Schreibens mächtige Angebetete in die Schreibmaschine hackte und Tippexte bis die Finger bluteten.

Im Referendariat begegnete ich vereinzelten Geschichts-Fachsitzungen, in denen Dank meiner sehr engagierten und jungen Seminarleiterin neue Medien Thema waren, und ganz genau einem Medien-Fortbildungstag,  Wir lernten etwas über das InteractiveSmartboard in Physik (keiner von uns hatte Physik), über die rechtlichen Grundlagen der Mediennutzung (auch wenn es wichtig ist, kann es einem dabei gleich wieder vergehen, wenn man es mit der Realität vergleicht) und etwas über die bayerische Lernplattform mebis, die ich - da derzeit Vertretungslehrerin - bisher in genau einem Oberstufenkurs eingesetzt habe, wobei es auch eine Dropbox getan hätte. Von allen (!) Seminarleitern und Betreuungslehrern hörte ich dabei immer wieder das als Kompliment gemeinte, aber doch irgendwie befremdliche "In Sachen Medien können wir Ihnen ja sowieso nichts mehr beibringen", zugleich lernte ich aber alles über mögliche Streiche mit dem Tageslichtprojektor - vom Herausdrehen der Birne bis zu deren Durchbrennen - warte allerdings immer noch auf die ersten Schüler, die sich mit Begeisterung deren Durchführung widmen. Der nächsten Lieblingsklasse sollte ich das Skript mal in einem unbeobachteten Moment auf dem Pult liegen lassen... 

Und nun?

In der Kombination all dessen mit meinen persönlichen Erfahrungen komme ich also zu folgendem Schluss: Über den Digitalisierungsrückstand an vielen Schulen können wir uns einigen, über dessen Ursachen nicht wirklich, denn während es in der Presse gerne mal so dargestellt wird, dass es sich hierbei um eine Frage des Wollens und des Enthusiasmus handelt, habe ich bei mangelnder Digitalisierung eine Menge Kollegen vor Augen, die "das mit dieser Technik auch gerne können würden", aber gar nicht mehr wissen, wo sie anfangen sollen, weil sie so lange nicht sinnvoll fortgebildet wurden, bis sie den Eindruck bekamen, dass sie das sowieso nicht mehr aufholen könnten (und die teilweise schon durch die mangelnde Zuverlässigkeit des Tageslichtprojektors dermaßen leidgeprüft sind, dass sie eine höhere Hemmschwelle haben, anderes auszuprobieren).

Das frustriert mich - weniger deswegen, weil die Schüler damit keinen digitalen Unterricht genießen dürfen (ich betone es gerne: "nicht digital" heißt nicht automatisch "nicht gut"), sondern vor allem deswegen, weil ich gerade bei diesen Kollegen so viel Lernbereitschaft erlebe, in meinen Freistunden im Lehrerzimmer so viel erkläre und mir immer wünsche, mehr Zeit dafür zu haben, um diese Welten zu eröffnen, die ich mir durch mein jahrzehntelanges Nerd-Dasein erschlossen habe (und nicht etwa durch göttliche Eingebung) statt immer nur Probleme und Fehler zu beheben, Last-Minute-Rettungen zu vollziehen und deswegen mal schnell zu zaubern statt Schritt für Schritt alles erklären zu können.  Nun ist es also mein hehrer Plan, eine Tutorial-Serie unter dem Titel "Pad-agogisch wertvoll" zu schreiben, die so weit "am Anfang" wie möglich anfängt und sich dann schrittweise an Themen entlanghangelt, die in "kleinen Schritten" in die eigene Vorbereitung und den Unterricht integriert werden können und die - das ist der Plan - dem Leser/ Nutzer/ Kollegen einen Mehrwert des Digitalen direkt ersichtlich machen soll.

Was du tun kannst?
Digitaler Frischling Beide Digitaler Pionier (Nerd ^^)
einfach mal machen #spreadtheword: Vernetzen Mitlesen & Frau Dromedar korrigieren
Experten im Kollegium oder z.B. auf Twitter suchen SchülerInnen einbeziehen Tipps geben
  Fortbildungen anregen und einfordern  
  eigene Erfahrungen teilen  
  kritisch hinterfragen (immer auch an die Didaktik und den Sinn denken)  

Damit mir das Ganze gelingt, bin ich auf dich (ja, genau dich!) als Leser angewiesen & die kleine Übersicht zeigt dir auch schon, was du tun kannst. Ich werde diese Tutorials als Hobby-Nerd, aber keineswegs als Experte in der Digitalen Bildung schreiben, wie wir alle ist meine Zeit zum Konsum von Input begrenzt und deswegen freue ich mich umso mehr über

  1. direktes Feedback und Anregungen in Form von Kommentaren, Tweets/ DMs, Nachrichten auf Instagram oder Mails (an diefraumitdemdromedar[ät]gmail.com).
  2. Wenn dir das taugt, was ich hier veranstalte, würde ich mich natürlich über Weiterverbreitung freuen - wenn du es nicht so doll findest, spring doch einfach nochmal zu Punkt 1. 😉

Wie immer gilt: Es gibt keine dummen Fragen und ich werde mich redlich bemühen, schlaue Antworten zu finden.

Genug des Vorgeplänkels - los geht's in die Vollen, denn ich freu mich drauf und  weise nur noch eben darauf hin, dass es auch einen Index der bisher erschienenen Artikel geben wird, damit wir den Überblick über den Lehrplan behalten.

Kristina


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