Auf der Suche nach dem Wunderbaren

Worum geht's? | Bob Blume ist auf der Suche nach dem Wunderbaren1, er hat eine Blogparade gestartet und ein großartiges Ziel formuliert, er möchte nämlich die wundervollen Momente des Referendariats sammeln, um allen aktuellen und zukünftigen ReferendarInnen zu zeigen, dass das Ref nicht nur Stress, Hektik und viel Arbeit bereithält, sondern dass es auch eine Zeit der großartigen Erfahrungen ist. Mit diesem Beitrag möchte ich mich daran beteiligen.

Eine schwierige Wahl

Einen wunderbaren Moment aus dem Referendariat zu finden, über den ich schreiben möchte, ist gar nicht so einfach. Glücklicherweise ist es das aber nicht, weil ich auch nur von schrecklichen Erfahrungen im Auge des Wahnsinns zu berichten weiß, sondern deswegen, weil ich das Referendariat als eine bunte, spannende Zeit voller "erster Male", interessanter Begegnungen und schöner Anekdoten erlebt habe. Nachdem ich dies Bob auch schon berichtet habe, als wir in einer Folge seines Podcasts "Der Referendarsflüsterer" an angeregtes Gespräch über Schule, das Ref und die Digitalisierung geführt haben, sehe ich mich quasi in der Pflicht, zu seinem Aufruf etwas beizusteuern.

Nach längerem Überlegen ist meine Wahl auf einen Moment gefallen, der mir wegen seiner Vielzahl an Überraschungseffekten in positiver Erinnerung geblieben ist und der, wie ich hoffe, trotz seiner Individualität, auch so etwas wie eine "Moral von der Geschicht'" beinhalten kann. 😉

Vorspiel im ganz normalen Wahnsinn

Rückblende, Bildrauschen, Sepiafärbung. Frau Dromedar während des ersten Halbjahres des Referendariats in den ersten Wochen des zusammenhängenden Unterrichts, irgendwann im Winter, noch vor der ersten Lehrprobe und den Erfahrungen des Unterrichts in eigenen Klassen.

Mein wunderbarer Moment beginnt gar nicht wunderbar, denn ehrlich gesagt wusste ich mir nicht mehr so recht zu helfen: Ich unterrichtete eine zehnte Klasse in Geschichte und Sozialkunde - beides einstündig, eine Stunde davon am Nachmittag, wenn die Motivation für die Freizeit naturgemäß hoch und die für den Unterricht umso niedriger ist.

An der Wellenlänge gab es mit der Klasse überhaupt nichts zu meckern, denn wir kamen gut miteinander klar. Wenn es aber ans Arbeiten ging, verlor ich sie und ihre Aufmerksamkeit häufig schon während der Erarbeitungsphasen. Kein Wunder, wenn man noch an allen Ecken und Enden ohne Erfahrung kämpft - nur weil man eine spannende Stunde auf dem Reißbrett geplant hat, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht auf völlig in die Binsen gehen kann, wenn die Ergebnisse im Gemurmel des nahenden Feierabends untergehen.

Nachdem es mir ein paar Mal so gegangen war, dass ich zum Stundenende hin gefühlt die einzige im Raum war, die dem Stundenverlauf noch mit echtem Interesse folgte, reichte es mir, denn ich empfand es als überaus frustrierend, verlorene Unterrichtszeit am Fließband zu produzieren, und fürchtete mich davor, dass es mir später noch viel öfter so ergehen würde, wenn ich keine Strategie fand, dies abzustellen.

Ein Angebot

Unsere Pädagogik-Fachleiterin hatte uns irgendwann zuvor das Angebot gemacht, zusätzlich zu den Besuchen der Fachleitern und Mentoren im Unterricht vorbeizsuchauen, wenn wir das wollten. Und weil sie so schonungslos ehrlich von ihrem eigenen Ringen um die Aufmerksamkeit mancher Klassen berichtete, um uns zu zeigen, dass das eben kein Problem ist, mit dem nur die Greenhorns zu kämpfen haben, weil ich das Gefühl hatte, dass es ohnehin nicht schlimmer hätte kommen können und weil ich unbedingt etwas lernen wollte, kam ich auf dieses Angebot zurück und lud sie ein.

Als wir dann vor der Feuerschutztür des Klassenzimmers im Keller standen und noch ein wenig Smalltalk hielten, bevor wir es betreten konnten, gesellte sich auch noch der Fachleiter hinzu, der mir einen unangekündigten Besuch abstatten wollte. Mit einem innerlichen "Na, dann hat sich das akribische Vorbereiten ja doppelt gelohnt!" und den beiden Ausbildern im Schlepptau betrat ich das Klassenzimmer - gewillt, das Feedback brav aufzusaugen, das mir nach dieser Stunde dann also gleich doppelt um die Ohren fliegen würde.

Kaum hatten sich beide in der Enge des Raumes einen Platz gesucht, bestürmten mich die Wortführerinnen der Klasse entsetzt: "Frau Dromedar, haben Sie heute etwa Lehrprobe?!" Vor lauter Begierde nach Feedback aus einer anderen Perspektive hatte ich ganz vergessen, dass Klassen an Seminarschulen mit dieser Prüfungsform für gewöhnlich deutlich mehr Erfahrung haben als die Referendarsfrischlinge und dass sie deswegen den augenscheinlich einzig richtigen Schluss zogen, wenn hinten mehr als eine ausbildende Lehrkraft sitzt: Alarm!

Spannungsvolles Knistern

Die Alarmbereitschaft der SchülerInnen hielt - obwohl ich schnell versichert hatte, dass es sich eben nicht um meine Lehrprobe handle, denn das hätte ich ihnen ja vorher mitgeteilt: Während ich sonst immer nur nachmittäglich Chaos zu Stundenbeginn erlebte, senkte sich nun über die Klasse jene spannungsvolle Stille mit einem leisen Knistern, die ich sonst nur kannte, wenn ich in einem bis an den Rand gefüllten Konzertsaal saß, in dem das Publikum voller Vorfreude darauf wartete, dass das Spektakel beginnen würde. Bereits bei der Begrüßung merkte ich, wie sich die Atmosphäre verändert hatte, es war, als würden alle darauf warten, dass etwas Großes passieren würde.

Eine Stunde wie aus dem Bilderbuch ereignete sich, alles lief rund und es gab sehr viel Anlass zufrieden zu sein. Aber all das war nichts im Vergleich zu der Stimmung, die mir das gespannte Warten der Klasse auf die Stunde beschert hatte, denn mit einem Mal war mir nicht nur durch Wissen, sondern durch Erfahrung klargeworden, dass es unser aller Zeit ist, die wir in der Schule verschwenden oder bereichern. Aber manchmal müssen wir eben vor lauter Alltag daran erinnert werden, dass es auch einfach eine gute Zeit sein kann.

Mut zahlt sich aus

Betrachte ich mein Handeln heute in Anbetracht dessen, was ich über die Vorurteilsbeladenheit des Referendariats weiß, bin ich ganz entsetzlich froh darüber, dass ich mich nicht von dem Pessimismus leiten ließ, der für die Interpretationen des Referendariats als Ausbildungsphase nach wie vor bestimmend zu sein scheint,² sondern dass in mir eine gewisse Naivität waltete, der es total egal war, was es für einen Eindruck machen würde, wenn ich mir Hilfe von außen holte, und die sich stattdessen freute, dass sich die Fachleiterin tatsächlich die Zeit nahm, um sich diese Stunde anzusehen und mir mit ihren Beobachtungen zu helfen.

Ich musste diese Stunde nicht mit dem Fachleiter bis ins kleinste Detail nachbesprechen. Ich durfte mir von der Fachleiterin positives Feedback und wertvolle Tipps holen. Aber vor allem durfte ich erleben, dass es noch eine weitere Spezies unter den FachleiterInnen gibt, über die nur einfach viel zu wenig gesprochen wird, weil es viel leichter ist, zu schimpfen als zu loben: Die, die sagen "Wir sind für sie da." Die, die sich als Lernende begreifen. Die, die Mut belohnen und einen eben nicht dafür abwatschen, dass man etwas (noch) nicht kann. Die, bei denen man richtig was lernen kann und die einen für's Lehrerleben prägen - im allerbesten Sinne. 3

Lass Dir nichts sagen.

Wunderbare Momente gab es viele - mit SchülerInnen und KollegInnen und weil ich Momentensammlerin bin, hoffe ich, diese Liste auch über das Referendariat hinaus einfach immer weiter fortsetzen zu können. Mit Strahlendes-Lächeln-Momenten, mit Hilfe-ich-kann-nicht-ernst-bleiben-aber-ich-bin-die-Lehrerin-Momenten, mit Korrigieren-stinkt-lass-uns-Kaffee-trinken-Momenten, mit dem Moment, in dem ich ein Dromedar geschenkt bekam, mit einem spontanen Tänzchen des ganzen Seminars, mit Erleichterungstränen, mit der wohligen Erschöpfung und dem Wissen, dass endlich Feierabend ist, mit der sechsten Stunde am Freitag vor den Ferien, mit Klassenfahrten, Projekttagen, den großen und den kleinen Katastrophen, die doch meistens gut ausgehen...ganz einfach mit dem, was der ganz normale Wahnsinn so anspült.

Mein wunderbarer Moment - der eine, wichtigste - war der, in dem ich mir für ein Problem Hilfe gesucht habe, statt einfach so weiterzumachen. Es war der Moment, der allen dystopischen Szenarien, die sich in Facebook-Gruppen und Lehramtsstudierendenkafeerunden, eine obszöne Geste zeigte. Der Moment, in dem ich verstanden habe, dass bewertet zu werden nicht bedeuten muss, allein mit den Herausforderungen zu sein. Dass es eine Frage des Wollens ist, wie man die Rolle des Lehrenden ausfüllt und kein Gesetz, dass Prüfende nicht auch Begleitende sein dürfen. Der Moment, der mir gezeigt hat, dass es okay ist, dass wir alle auch nur Menschen sind, solange wir nicht die Augen vor den Herausforderungen verschließen, sondern einen mutigen Schritt auf sie zumachen, um das Geschehen für alle zum Besten zu wenden.

Lass Dir nichts sagen von den Pessimisten und Schlechtmachern. Mach diese Zeit zu Deiner Zeit - das kannst nur Du selbst.

Von <3-en

Kristina

Fußnoten

2 thoughts on “#refisbelike – Ein wundervoller Moment im Referendariat”

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