Ich habe Freistunde und sitze im Lehrerzimmer. Vor mir eine Tasse Kaffee und ein Stapel Arbeit, obenauf Bob Blumes Büchlein "Das ABC der gelassenen Referendare", das einer Rezension harrt. Mit einem gut gelaunten "Darf ich mal?" schnappt sich die Kollegin das Werk und beginnt mit der Inbrunst der erfahrenen Deutschlehrerin zu rezitieren:

P wie Pädagogik

Es hüpft im Pullunder durch den Gang und öffnet die Tür. Alle Seminarteilnehmer schauen sich misstrauisch an. Es hüpft weiter und erklärt und erzählt. Dann bittet es die Teilnehmer aufzustehen. Sie sollen auch hüpfen. Alle heben die Arme über den Kopf und würden sie dort doch lieber zusammenschlagen oder im Erdboden versinken. Es ist der Pädagogikdozent. Während die einen peinlich berührt die Übungen machen und aussehen, als wollten sie in der Waldorfschule zum Klassensprecher gewählt werden, möchten die anderen am liebsten nur noch im Boden versinken. [S. 72]

Da hat sie aber auch auf Anhieb die richtige Stelle aufgeschlagen! Wir alle, die gerade rund um den Tisch sitzen, brechen in lautes Gelächter aus, weil wir plötzlich mit unseren ganz persönlichen Erinnerungen an genau solche Situationen während unseres Referendariats konfrontiert und erneut dem Gefühl absoluter Lächerlichkeit des eigenen Tuns Gewahr werden, das uns schon damals beschlichen hatte.

In diesem Moment der allgemeinen Heiterkeit dachte ich, die Chance, eine ernsthafte Rezension über das "ABC der gelassenen Referendare" zu schreiben, sei vertan. Wie sollte ich denn ernst und professionell bleiben, wenn ich daran denken müsste, wie meine KollegInnen sich bemühten, nicht den Kaffee geradewegs auszuprusten?!

Sorge dich nicht!

Beim Versuch, die nötige Professionalität für diesen Text wiederzuerlangen, denke ich darüber nach, was das eigentlich ist, Gelassenheit. Ein großes Wort, wahrlich, klingt es doch nach der inneren Ruhe eines Zen-Meisters im Moment der meditativen Versenkung. Dagegen komme ich mir im Unterricht, wenn die SchülerInnen noch verschlafen aus den Augen sehen, manchmal vor wie der beschriebene Pädagogik-Dozent, der sie hüpfend (natürlich nur im metaphorischen Sinne) von der Großartigkeit von Lessings Ringparabel überzeugen möchte - und trotzdem bin ich, verglichen mit meinen ersten Unterrichtsversuchen, schon so viel gelassener geworden.

Ob G wie Gruppendruck, K wie Kritik oder S wie Schüler und Schulleitung - keinem dieser Schlagworte begegne ich mit Gleichgültigkeit und dennoch schrecken sie mich weit weniger als während meiner ersten Gehversuche im Klassenzimmer.

Atme[...] durch, sorg[e dich] nicht! [S. 7]

Schreibt Bob im Vorwort und trifft damit den Nagel auf den Kopf: aus allem, was man in der Ausbildung (und auch später im Berufsalltag) tut, kann man wichtige Erkenntnisse  gewinnen [vgl. S. 74] und auf dieser Prämisse, dass jede Erfahrung - sei sie positiv oder negativ - sich als wertvoll erweisen kann, beruhen seine Darstellungen. Eine wichtige Perspektive, um diesen Beruf mit Freude auszufüllen.

Ironie...

Der Untertitel ist treffend gewählt: "Ein humorvoller Ratgeber für eine leidende Spezies" - bei allem Leiden während der Ausbildungszeit geht es doch immer darum, den Humor nicht zu verlieren, auch wenn er sich manchmal nach Galgenhumor anfühlt. Erst wenn man es schafft, alles nicht mehr so bitter ernstzunehmen, einen Schritt von allem, was passiert, zurückzutreten und zumindest darüber von Herzen zu schmunzeln, findet man einen Weg zur Gelassenheit - nicht im stoischen Festhalten an Wunschvorstellungen und Regeln.

Die Kapitel im "ABC der gelassenen Referendare" beginnen mit Reminiszenzen an Situationen aus dem Alltag: Ein Referendar versinkt im Zettelchaos oder kann bei der Hospitation nicht anders, als die Fragen des Lehrenden anstelle der SchülerInnen zu beantworten und bei der ersten Notengebung zerbricht sein Herz an der grausamen Realität auf der anderen Seite der Macht, die ihm die mühsam erworbene Gunst der SchülerInnen jäh entreißt. Er setzt das Stilmittel der ironischen (Über-)Zeichnung geschickt ein, sodass man beim Lesen leicht den Eindruck gewinnt, man sitze gerade an einem Tisch im Lehrerzimmer und lausche einem Kollegen, der eine Anekdote aus dem Klassenzimmer zum Besten gibt und bei aller Entrüstung über das, was schiefgelaufen ist, kann man gar nicht mehr anders, als zu schmunzeln, denn hinterher ist ja alles gar nicht mehr so schlimm.

Illustration von Stefan Quandt aus dem "Abc der gelassenen Referendare"

Illustration von Stefan Quandt (@mufflkuchen)

 

... und Optimismus

Damit schaffen Bobs Einstiege genau das, was sich für uns im Alltag immer wieder als Schlüssel zur Gelassenheit erweist: Eine ärgerliche Situation verarbeiten wir umso leichter, wenn wir im Nachhinein darüber lachen können.

Geschickt schlägt er anschließend eine Brücke zu dem, was man aus allem Erfahrungen mitnehmen und lernen kann, und so werden die Kapitel nicht zu einer zynischen Abrechnung, sondern zu einer Ermunterung für eine optimistische Herangehensweise an die Ausbildungszeit, um daraus das Bestmögliche zu machen.

Unterstrichen werden die Texte durch die tollen Illustrationen von Stefan Quandt, die - wie im abgebildeten Beispiel zum Schlagwort S wie Schüler - den Worten teils sogar eine zusätzliche Tiefe verleihen können, weil ein Bild manchmal mehr als 1000 Worte sagt.

Die Würze der Kürze

Bob schreibt in seinem Artikel zur Veröffentlichung, es handle sich "nur um ein kleines Büchlein". Sicherlich lassen sich auf 119 Seiten in diesem Format nicht alle Situationen abdecken oder alle Eventualitäten einbeziehen und es ist unmöglich, allen Ausgestaltungen des Referendariats im föderalistischen Bildungssystem Deutschlands Rechnung zu tragen. Aber das ist ja auch gar nicht notwendig.

Das "Abc der gelassenen Referendare" findet in aller Kürze einen gemeinsamen Nenner für diese Ausbildungszeit, die doch für jeden so viele individuelle Erlebnisse bereithält, weil das Augenmerk bei der Lektüre eben nicht auf allen Facetten des hektischen Alltags liegt. Stattdessen finden sich unter den einzelnen Schlagworten prägnante Erinnerungen an das, worum es in der Ausbildung und in der Schule eigentlich geht - zum Beispiel:

"Wenn Schüler erkennen, dass du ihnen mit Interesse begegnest, dass es aber auch Grenzen gibt, dann hast du eine sehr gute Arbeitsgrundlage." [S. 98]

Häufig ist ein kleiner, gezielter Denkanstoß für jemanden, der gerade den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, weil er eben noch ganz am Anfang eines langen Weges steht, ein viel größeres Geschenk als eine ausufernde Erläuterung. Und wenn man weiterlesen möchte, gibt es schließlich immer noch den riesigen Schatz von Beiträgen auf Bobs Blog. 😉

Fazit: Ein Mentor für die Hosentasche

Das "Abc der gelassenen Referendare" ist nicht Tolstois "Krieg und Frieden" - und eben deswegen glaube ich, dass es das Regal mit der Referendarsratgeberliteratur bereichern kann: In das Die-Schule-eigentlich-nicht-mehr-sehen-wollen in der gering bemessenen Freizeit passt das Werk sowohl in seinem Gesamtumfang als auch durch die kurzen Kapitel, die auch einzeln herausgegriffen werden können, hervorragend hinein.

Als ich es las, wurde ich unweigerlich an meine liebsten Programmpunkte im Referendariat erinnert: Den wöchtenlichen Jour Fixe mit der Mentorin, die mir das Dromedar schenkte, bei dem genau das, was ich für dieses Buch feststellen durfte, ganz häufig passierte: Ganz gleich wie katastrophal die Ereignisse im ganz normalen Wahnsinn wirkten, konnte ich doch nach diesen Gesprächen ganz oft darüber lachen, weil ich wieder daran erinnert worden war, worum es eigentlich geht. Wer keine solche Mentorin hat (und ich hatte wohl unfassbares Glück), ist mit Bobs Büchlein, dem Mentor für die Hosentasche, sicher gut beraten.

Ergänzende Informationen

Blume, Bob: Abc der gelassenen Referendare. Ein humorvoller Ratgeber für eine leidende Spezies, Hamburg (AOL) 2018.

Das Rezensionsexemplar wurde mir kostenlos zur Verfügung gestellt. Der Artikel gibt meine persönliche Meinung wider.

2 thoughts on “Rezension: „Abc der gelassenen Referendare“ von Bob Blume”

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