Zeitgleich mit diesem Post ist ein zweiter erschienen: In "Wer schreibt, bleibt? - Über Sinn und Widersinn des Abschreibens als pädagogische Maßnahme" gehe ich der Frage nach, ob das Abschreiben-Lassen von Texten noch als zeitgemäße Maßnahme betrachtet werden kann und dabei habe ich - ohne spoilern zu wollen - nur wenige Anlässe finden können, bei denen ich diese Konsequenz eventuell als sinnvoll erachten würde.

Weil ich mir nur ungern vorwerfen lassen möchte, dass es sich dabei um destruktive Kritik handelt, weil ich keine Alternativen aufzeigen würde, habe ich mich entschieden, in diesem Beitrag meine Schiedsrichterkarten mit euch zu teilen, die ich im Zusammenhang mit meinem persönlichen Dauerbrennerprojekt "Was für ne Kklasse, Mannschaft!" entwickelt habe und die als Reflexionsanlass für möglichst viele Arten von Unterrichtsstörungen dienen sollen. Kerngedanke dieses Projektes ist es, in "schwierigen" Klassen, die LuL und SuS als gegnerische Parteien ansehen durch die Arbeit mit einer Mannschaftssport-Metapher und entsprechenden pädagogischen Maßnahmen eine bessere Zusammenarbeit untereinander und mit den Lehrkräften zu erreichen und den SuS somit eine altersangemessene Verantwortung für den Lernprozess innerhalb der Klasse zu übertragen.

Wenn ihr möchtet und/ oder Bedarf besteht, erkläre ich dieses Projekt gerne an anderer Stelle ausführlicher in einem eigenen Artikel - schreibt dafür einfach einen Kommentar, eine DM auf Twitter oder eine E-Mail an diefraumitdemdromedar{@}gmail.com!

Die Schiedsrichterkarten sind zwar aus diesem Projekt heraus entstanden, können aber auch ohne dessen Kontexteinbindung verwendet werden: Es geht darum, auf individueller Ebene, aber doch mit möglichst wenig Organisationsaufwand für die Lehrkraft, Reflexionsanlässe bereitzustellen und durch die verschiedenen Kartenfarben eine "Progression" in der Sanktionierung von störendem Verhalten abzubilden. Dabei gehe ich allerdings nicht davon aus, dass mit steigender Störungsanzahl "härtere Strafen", z.B. durch den Umfang einer "Strafarbeit", eingesetzt werden, sondern möchte zuerst durch Fragen, dann durch die Übertragung des Sachverhalts auf den Mannschaftssport-Kontext und schließlich durch die Vorbereitung und Durchführung eines persönlichen Gesprächs Einsicht erreichen und die Erarbeitung alternativer Strategien anregen.

Wie läuft das ab?

Organisatorisch kann das Ganze folgendermaßen ablaufen:

Gelbe Karte
  • ausreichende Anzahl von Karten auf buntem Papier ausdrucken (normalerweise im A5-Format) & laminieren, eine Büroklammer daran heften
  • In der Stunde nach einem festgelegten System (z.B. S kommt nach dem Gong/ hat zum 3. Mal sein Heft vergessen oder in der Stunde 3x gestört) reflexionsbedürftiges Verhalten beobachten
  • Laminierte Karte mit den Basisdaten beschriften und an S ausgeben
  • Maßnahme in Organisationsliste eintragen
  • Vom S Karte mit angeheftetem Blatt mit den Antworten zurückbekommen
  • Hoffen, dass es nicht noch einmal vorkommt 🙈😆
Rote Karte
  • Gleiches Vorgehen wie bei der gelben, allerdings wird die Karte mit dem Hinweis ausgegeben, dass eine dritte Karte ein persönliches Gespräch (mit Elternbrief) nach sich ziehen würde und S wird gefragt, ob er dieses Gespräch schon jetzt brauchen könnte
    • Nein > Rote Karte erledigen
    • Ja > Gesprächsbedarf aufgreifen und möglichst zügig Termin mit S vereinbaren ohne Eltern zu informieren
      • Wenn die Antwort zeigt, dass S nicht zum Vergleich Mannschaftssport - Schule in der Lage ist > mit S besprechen, evtl. Eltern ins Boot holen
  • Hoffen, dass es nicht noch einmal vorkommt 🙈😆
Gelb-Rote Karte
  • Karte ausgeben
  • Gesprächstermin mit S über die Eltern ankündigen
    • Im Schreiben/ Telefonat persönliches Gespräch anbieten
  • Gespräch mit S vorbereiten:
    • Antworten analysieren
    • Strategien überlegen, die S helfen könnten
    • KuK befragen: verhält sich S in anderen Fächern ähnlich?
  • Wertschätzendes, konstruktives S-Gespräch führen
  • Sich bei nicht-positivem Verlauf nicht scheuen, andere Stellen ins Boot zu holen, um S zu angemessenem Verhalten & Regeleinhaltung zu verhelfen (z.B. KuK, die S gut kennen, Sozialpädagoge, Schulpsychologe, Schulleitung etc.)

Natürlich ersetzen diese Karten nicht das aufmerksame Beobachten, den Austausch und das persönliche Gespräch, aber sie sind eine Hilfe für den Unterrichtsalltag, wenn bestimmte Voraussetzungen gegeben sind: Als FachlehrerIn am Gym verbringt man mit manchen Klassen aber gerade einmal 2 Stunden pro Woche (in Extremfällen sogar nur eine) und je nach Klassen- und damit SuS-Anzahl ist es ausgesprochen schwierig, den Überblick zu behalten und die SuS wirklich kennenzulernen. Gleichzeitig stellt es eine zusätzliche Belastung dar, für verschiedene "Vergehen" wie Unpünktlichkeit, Vergessene Sachen oder andere Unterrichtsstörungen immer die passenden Reflexionsmaterialien dabei zu haben, weswegen die möglichst universell anwendbaren Fragen dazu beitragen sollen, Gesprächsanlässe zu schaffen und auch mit wenig gemeinsamer Unterrichtszeit zur Entwicklung des Arbeitsklimas und der SuS beitragen zu können.

Pädagogischer Warnhinweis: Diese Karten ersetzen keinesfalls ein gutes Classroom-Management (mit einem gruppenbezogenen Belohnungskonzept wie ZbA > Eichhorn 2008). Sie stellen eine - aus meiner Sicht praktikable - Möglichkeit dar, unzeitgemäße Maßnahmen wie das Abschreiben von Texten durch konstruktivere zu ersetzen und dem Umstand Rechnung zu tragen, dass SuS gesehen werden wollen. (Was ich damit meine, kannst du in meinem Beitrag "Sie riechen Deine Angst!" - Vom Konsequent-Sein nachlesen.)

Wie sorgst du für die Einhaltung der Unterrichtsregeln? Hast du Tipps für mich? Ich würde mich sehr über dein Feedback freuen!

Kristina

 


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