Wieder ist ein Jahr vergangen, eigentlich wäre es an der Zeit für einen Jahresrückblick, eine buntes Panorama der bedeutendsten Momente des Jahres 2017, für die lustigen Pannen, für die großen und die kleinen Katastrophen und natürlich besonders für die Highlights und die Erfolge – kurzum für alles, was dieses Jahr spannend, bunt und ereignisreich gemacht hat.

Weihnachtskonzertgedanken

Pünktlich zum Weihnachtskonzert in der vollbesetzten Kirche mit dieser knisternden Nicht-mehr-lange-bis-zu-den-Ferien-Stimmung, beim Blick in die freudestrahlenden Gesichter der Akteure, den Klängen des Bläserensembles lauschend und das Abschlusslied an die Kirchendecke schmetternd komme ich in Stimmung, dieses 2017 Revue passieren zu lassen. Während ein Potpourri von Anekdoten aus meinem Schulalltag vor dem inneren Auge zu „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ vorbeizieht, bin ich bei aller Nostalgie auch schon ein wenig gespannt, was das neue Jahr bereithalten wird, denn solange ich wieder in die Schule gehe, wird es schließlich ganz sicher nicht langweilig werden.Während ich beim Herausgehen aus der Kirche noch dem Gedanken nachhänge, ob die Auszüge aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ zu meiner eigenen Orchesterzeit (auch aufgrund meiner eigenen Mitwirkung) schiefer klangen als die formvollendete Darbietung der SchülerInnen, reißt mich ein freudiges Lächeln aus der schemenhaften Rekonstruktion der Erinnerungen lange zurückliegender Tage.

Immer wieder fasziniert es mich, wie es SchülerInnen schaffen, jemanden im riesigen Pulk der Anwesenden auszumachen und denjenigen zielstrebig erreichen können, noch bevor er im Hinausgehen nach dem passenden Schein in der Manteltasche für den Geigenkasten sucht… „Frau Dromedar! Wie schön, Sie mal wieder zu sehen!“, strahlt mich Ava an – und schon bin ich in eins dieser wunderbaren Gespräche mit einer ehemaligen Schülerin verwickelt, bei denen ich zwar nie so genau weiß, was ich in den wenigen smalltalkigen Minuten zwischen Tür und Angel sagen soll, weil sie mich trotz aller Erwartbarkeit bei einer schulischen Veranstaltung letztlich immer irgendwie kalt erwischen, von denen aber glücklicherweise vor allem eins hängen bleibt: Das zuckersüße Gefühl von auf Gegenseitigkeit beruhender Freude, sich nach einiger Zeit (überraschender-/ unerwarteterweise) mal wieder gesehen zu haben, das einem wieder vor Augen führt, dass Schule viel mehr ist als Unterricht und Noten, weil es um Menschen geht und es ein tolles Erlebnis ist, wenn man in guter Erinnerung bleibt.

Perspektivenwechsel

Auf dem Weg zum Auto quatsche ich mit den FrollegInnen über den Abend und Eltern, die mit ihren Smartphone-Aufnahmen von ihren Sprösslingen die WhatsApp-Gruppen der näheren und weiteren Verwandtschaft höchstwahrscheinlich auf Wochen mit Fotos, Audios und Videos versorgen werden, die die Adressaten wünschen lassen, es möge doch einmal noch so schwierig sein, einen Film zur Aufführung zu bringen wie in der guten alten Super-Acht-Zeit…Aber eigentlich bin ich gedanklich gar nicht so recht bei der Sache, denn über Erziehungsmaßnahmen für die Erziehungsberechtigten nachzudenken würde mir nur die mühsam aufgebaute besinnliche Stimmung verhageln… Stattdessen beginne ich mich unweigerlich zu fragen, was sie – Ava und ihre KlassenkameradInnen – über die Schule denken und aus ihr mitnehmen werden, wenn sie im nächsten Schuljahr Abitur machen und sich in die weite Welt hinauswagen oder gar, was ihnen einfallen mag, wenn sie irgendwann in vielen Jahren einmal selbst in den Zuschauerreihen eines solchen Konzerts sitzen werden und voller Stolz ihre Sprösslinge filmen bei der Aufführung beobachten: Werden sie an diesen Abend denken – werden sie die ehemalige 10t als genauso engagiert in Erinnerung behalten wie ich, weil sie auch bei diesem Konzert wieder in allen musikalischen Ensembles stark vertreten waren? Was wird ihnen wichtig sein, was bleibt haften aus 12 oder auch 13 Jahren in der Schule, in denen sie sich für ihren eigenen Erfolg und das Schulleben eingesetzt haben? Werden sie es schaffen, diese Zeit voller (Schul-)Pflicht in guter Erinnerung zu behalten und sie als einen wichtigen und wertvollen Baustein ihres Lebenswegs zu betrachten?

Was mir geblieben ist

Mir sind aus meiner eigenen Schulzeit vor allem die besonderen Momente geblieben, der Alltag ist verblasst: Aufführungen und Konzerte, bei denen ich mich wie immer zwar lieber in der Masse versteckte, als selbst aufzufallen, die aber trotzdem ein großartiges Erlebnis waren, weil sie sich eben nicht so anfühlten wie die lästigen und alltäglichen Pflichtveranstaltungen, die man Unterricht nennt, weil sie von Interaktionen mit MitschülerInnen geprägt waren, vom Wunsch, gemeinsam etwas zu erschaffen und weil – trotz der Tatsache, dass es nun mal nur eine erste Geige geben kann – nicht ständig das Damoklesschwert der Notenskala über uns schwebte.

Wenn ich zurückblicke, dann verwundert es mich manchmal sehr, dass ich wieder in der Schule gelandet bin und mich dort richtig und wohl fühle, denn bis zum Abitur waren wir nun wirklich keine Freunde, die größte Zeitfresserin meines jugendlichen Lebens und ich. Paradox, dass wir heute so gut miteinander klarkommen. Schleichend und doch unaufhaltsam bin ich zu ihrem großen Fan geworden.

Ein gutes Jahr

Aber wie könnte es auch anders sein, wo mir doch allein aus dem vergangenen Kalenderjahr gefühlt mehr tolle Erinnerungen geblieben sind als aus der ganzen eigenen Schulzeit?

Das Filmprojekt mit der zehnten Klasse, bei dem sie mich mit ihrer Kreativität und ihrer Bereitschaft, Literatur neu zu interpretieren, beeindruckten. Meine erste selbstorganisierte Fahrt mit Übernachtung zu einer KZ-Gedenkstätte, eine bewegende Erfahrung mit zwei furchtbar netten und aufgeschlossenen neunten Klassen, die auch im eisigkalten Februar in Dachau und in Nürnberg geduldig und wissbegierig das Programm über sich ergehen ließen. Das Dialektprojekt mit der Einhornklasse, von dem die kunstvoll gestaltete Wandzeitung immer noch zeugt und bei dem es zu einigen Lachern kam, weil es gar nicht so leicht ist, in einer Mundart zu sprechen, die man noch nie gehört hat. Das Konzert an einem beschwingten Sommerabend, bei dem wie immer alles aufgeboten wurde, was die Musik-Fachschaft einstudiert hatte und bei dem die Sporthalle aus allen Nähten platzte. Die Exkursion mit den Siebenern, an deren Ende sie in Legionärsrüstungen und Tuniken steckten, sich mit Holzschwertern bekriegten, um wenig später gemeinsam zu erknobeln, wie man mit Astragalen spielt. Die Projekttage, an denen kleine Westernfilme entstanden – futuristisch am Greenscreen oder klassisch mit viel Action auf dem Schulgelände. Die vielen Geistesblitze und Lacher aus dem Unterricht, die ich leider schon gar nicht mehr alle im Detail erinnern kann. Und natürlich all die wunderbaren Momente, die im Lehrerzimmer passiert sind – die großen und die kleinen Katastrophen und Wunder – und die deswegen natürlich auch im Lehrerzimmer bleiben, so viel Diskretion muss sein.

Lehrer-Neujahrsvorsätze

Natürlich sind das die Mandarinen in der Schale voller harter Nüsse, die wir zu knacken haben. Wir müssen den Lehrplan erfüllen und Stunden zu Themen halten, die wir selbst nur halb spannend finden, wir müssen Prüfungen schreiben lassen und sie korrigieren. Auch 2018 wird die Freiheit nicht unbedingt größer sein – aber jetzt, wo ich die entsprechende „Macht“ habe und darüber entscheide, wie 30 Individuen einen Teil dieser lästigen Pflicht verbringen müssen, denke ich immer wieder an das, was mir davon geblieben ist und möchte meinen Teil dazu beitragen, dass meine SchülerInnen auch ein paar Szenen aus dem Alltagsgeschäft in ihre Erinnerungsschatzkiste packen können.

Eigentlich hatte ich diesen Beitrag mit einer Liste von Lehrer-Neujahrsvorsätzen abschließen wollen. Aber um ehrlich zu sein bin ich mit der Einhaltung aller möglichen Vorgaben inklusive der Klassenregeln genug beschäftigt – da muss ich mir nicht auch noch selbst Ordnungsmaßnahmen auferlegen. Deswegen beschränke ich mich einfach auf das bedeutendste Mantra für das nächste Jahr:

Gib Dir Mühe. Die strahlenden Gesichter und mehr noch die Erinnerungen sind es wert.

Selbst dann, wenn Du von ihnen nur erfahren wirst, wenn Menschen wie Ava vielleicht irgendwann mit ihrem eigenen Kind an der Hand vor Dir stehen und sagen: „Frau Dromedar! Wie schön, Sie nach so langer Zeit mal wieder zu sehen!“

Mit diesem Post verabschiede ich mich in eine kleine Weihnachts-Blogpause, um besinnlich und schief Lieder zu singen, viel zu viel zu essen, an Silvester das Glas auf dieses gute alte Jahr zu erheben und die Schule einfach mal Schule sein zu lassen.

Nutzt die letzten Tage vor den Ferien, backt rosa-hellblaue Waffeln mit Glitzerperlen, singt Weihnachtslieder, wichtelt was das Zeug hält, setzt euch eine Weihnachtsmütze auf und nehmt den Lehrplan für ein paar Stunden einfach mal ganz locker – kurz: Genießt die volle Palette der Besinnlichkeit, die Schule zu bieten hat und schenkt den SchülerInnen und euch selbst ein paar dieser Erinnerungen, die man mit Gold nicht aufwiegen kann.

Danke für ein großartiges Jahr im Twitterlehrerzimmer, auch wenn es für mich erst im März begonnen hat, war es eine ganz wundervolle und spannende Zeit, für die ich unendlich dankbar bin, weil ich tolle Menschen kennen- und noch mehr gelernt habe. Ich wünsche euch eine großartige Weihnachtszeit und ein frohes Fest im Kreise eurer Lieben. Lasst es euch gutgehen, tankt Kraft & rutscht gut in 2018. Auf dass es auch wieder ein gutes Jahr werden möge.

Von <3-en

Kristina

3 thoughts on “Was bleibt – ein etwas anderer Rückblick”

  1. Ich wünsche dir eine entspannte Arbeitspause. Genieß die freie Zeit, ich bin mir sicher, du kommst mit unzähligen Ideen im Januar wieder zurück!
    Frohes Fest und einen guten Rutsch!

  2. Danke dir, liebe Kristina für deine inspirierenden Beiträge. Es ist immer wieder eine Freude bei dir auf dem Blog zu lesen. Dir und deinen Lieben wünsche ich friedliche und besinnliche Feiertage🎄🎅🎄

  3. Deine fast täglichen so tollen, kreativen Ideen, deine Empathie allen gegenüber, einfach Du wirst mir abgehen, aber Du hast Dir diese Auszeit so verdient. Ich wünsche Dir entspannte und entspannende Tage und Stunden, eine besinnliche und lustige Zeit. Ich glaube, Du magst Musik sehr gerne, daher lasse ich noch diesen Link da: http://bit.ly/2Dg6PGE, ich fühl mich beim Anhören dieses Songs unheimlich wohl, vielleicht passt es bei Dir auch.
    Alles Gute und bis bald
    Inge M.

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