Leugnen ist zwecklos: Jeden Tag produzieren SuS kilometerweise mehr oder weniger sorgfältig abgeschriebene Texte, weil sie sich nicht an Schul- oder Unterrichtsregeln gehalten haben und ob das eine sinnvolle Sache ist, wird teilweise heiß diskutiert. Den Anlass für diesen Text bildet der Tweet von @frausonnig, die diese Auszüge aus einem Grundschulplaner fotografiert hatte und auf Twitter nach Meinungen zu dieser "pädagogischen Maßnahme" fragte. 

Ich könnte jetzt vollmundig versprechen, dass ich diese Frage im vorliegenden Artikel ein für alle Mal klären werde, sodass wir uns in der Kaffeeküche endlich netteren Themen widmen können. Aber das wäre Vorspiegelung falscher Tatsachen, weil in der Schulordnung, an die ich mich zu halten habe, klassische „Strafarbeiten“ in Form des stupiden Abschreibens gar nicht erlaubt sind, weswegen ihr zu Recht die „Ergebnisoffenheit“ eines solchen Prozesses anzweifeln könntet. Ich werde mich also umso mehr um die sorgfältige Ausleuchtung meines pädagogischen Standpunktes zum Thema bemühen müssen.

Das ist insofern nicht ganz einfach, als dass die Frage danach, ob das Abschreiben-Lassen eine geeignete pädagogische Maßnahme darstellt, nicht für sich stehend beantwortet werden kann, sondern in den Kontext der Erziehungsmaßnahmen eingeordnet werden muss. Außerdem möchte ich das vorliegende Abschreib-Material einer kritischen Prüfung unterziehen, denn selbst wenn man zum Schluss käme, dass das Abschreiben zur Erziehung in einem konreten Fall geeignet sei, käme es immer noch darauf an, welchem Text sich die SuS widmen sollen.

"Das hat uns auch nicht geschadet!" - Eine Entkräftung vorweg

Wenden wir uns vor jeder weiteren Ausdifferenzierung meinem liebsten Totschlag-Argument zu, denn das kommt meiner Erfahrung nach sowieso immer auf, wenn über pädagogisches Handeln diskutiert wird und dann hätten wir das gleich geklärt: „Das hat uns auch nicht geschadet!“  ist ein herrlich universell einsetzbares Instrument zur Verteidigung pädagogischer Maßnahmen: Damit kann man so gut wie jedes Erziehungsmittel, zu dem LuL heute (laut Schulordnung) greifen (dürfen), legitimieren und natürlich haben Generationen vor den aktuellen SuS das fehlerfreie und ordentliche Abschreiben kilometerlanger Texte überlebt, um nicht zu sagen sehr gut weggesteckt, ohne deswegen gleich zum Axtmörder zu werden, sogar, als es noch keine radierbaren Kugelschreiber gab, sondern irgendwas mit Tintenfässern und Federkielen.

Wenn wir aber bedenken, dass heute noch (zu) viele Menschen der lebenden Weltbevölkerung angehören, die „Das hat mir auch nicht geschadet!“ sogar vom Rohrstock behaupten könnten, dann ist das Argument vielleicht nicht mehr ganz so treffsicher. Zeiten ändern sich und mit ihnen - glücklicherweise - pädagogische Einsichten und Prinzipien. Ganz so einfach ist es also nicht, schon gar nicht in Zeiten, die von zunehmender Komplexität geprägt werden. 🤔

Ist Abschreiben eine geeignete Erziehungsmaßnahme?

Ich glaube, dass es Anwendungsbereiche gibt, in denen das Abschreiben von Texten als Erziehungsmaßnahme in Ordnung gehen kann – also nicht brillant ist, aber nicht nur "niemandem schadet", sondern eben auch (wir müssen ja auch gelegentlich die Realität betrachten ^^) ein praktikables Mittel zur Erreichung des Erziehungsziels sein könnte. Diese Fälle treten dann ein, wenn…

  • …es der Fall ist, dass die SuS sich (z.B. wegen Fremdbeschäftigung, schwätzen etc.) nicht mit dem eigentlichen Stundeninhalt beschäftigt haben und sie deswegen Nachholbedarf beim Stoff haben. Dann würde ich eher einen Fachtext (abschreiben und anschließend) zusammenfassen und/ oder gestalten (z.B. als Sketchnote/ Präsentation/ Tafelbild) lassen, um den SuS zu verdeutlichen, dass ihnen die Arbeit der didaktischen Reduktion durch die Lehrkraft quasi „abgenommen“ werden würde, wenn sie im Unterricht aufpassen, und dass sie durch ihr Stören die Mühen der Lehrkraft und vor allem auch der mitarbeitenden SuS nicht respektieren.
  • …die betroffenen SuS in der Lage sind, durch den jeweiligen Text eine Einsicht über ihr Fehlverhalten zu gewinnen, beispielsweise wenn sie durch den Text zu einer echten Reflexion angeregt werden (z.B. Angebot zur Perspektivenübernahme: Text berichtet ohne zu werten aus der Sicht eines an ähnlichem Geschehen Beteiligten) und ihr Abschreiben mit dem Ausfüllen von Lücken, Beantworten von Fragen oder dem Entwickeln von Strategien verknüpfen müssen, um Einsicht bzw. Nicht-Einsicht zu dokumentieren. (vgl. Reflexionskarten)

Ihr seht schon, ohne weiterführende Aufgaben kann ich dem reinen Abschreiben eines Textes nicht so viel abgewinnen. Woran liegt das?

Sowohl die SuS als auch ich (weil ich Strafarbeiten ja zumindest auf Vollständigkeit und Sorgfältigkeit überfliegen und Abzeichnen müsste) verwenden wertvolle Lebenszeit auf eine Aufgabe, die nur aus dem mechanischen Kopieren eines Textes besteht, den der Abschreibende für den Vorgang nicht einmal dem Sinn nach erfasst haben muss - eine Aufgabe, die seit der Markteinführung des ersten kommerziellen Kopierers 1949 zusehends an Sinn verloren hat.

Wenn ich mich hingegen frage, was ich mit Konsequenzen erreichen will, dann antworte ich eben nicht „Dass ich mir selbst noch mehr Arbeit mache!“ oder "Dass die SuS nachfühlen können, wie sich ein Kopist im Hochmittelalter fühlte!", sondern „Dass sich die SuS in Zukunft anders verhalten.“ Natürlich ärgert sich ein Kind, wenn es den Nachmittag mit mehr Schule und Hausaufgaben verbringen muss als unbedingt nötig. Ganz realistisch betrachtet trainiert ein Kind, das eine Stunde lang abschreibt, aber höchstens seine Handschrift, ein bisschen Rechtschreibung und Stillsitzen. Wenn es dagegen von seiner Mutter gefragt wird, warum es die Strafarbeit bekommen hat, wird es höchstwahrscheinlich denken und antworten „Weil mir die doofe W. das aufgegeben hat!“ und nicht „Weil ich Nathanael-Hennes von unserem unglaublich wichtigen Unterrichtsthema Osmose abgelenkt habe, als ich ihm von meinem Fußballspiel am Wochenende erzählte und sein Lernerfolg so geringer war, als er es hätte sein können.“

Zwischenfazit: Wenn man stupides Abschreiben als pädagogische Maßnahme anwendet, sollte man sich zu 100% sicher sein, dass die SuS über die geeignete Strategie verfügen, sich so zu verhalten, wie es die Regeln von ihnen verlangen – und damit möchte ich auf den ausgesprochen seltsamen Verantwortungsbegriff verweisen, den die Texte, denen wir uns gleich ausführlicher widmen werden, beinhalten: Bin ich als Lehrkraft auch nur in geringem Maße im Zweifel darüber, dass die SuS es besser könnten und damit bewusst gegen die Regeln verstoßen haben, liegt es in meiner Verantwortung (als Erwachsene, als Lehrerin, als professionelle Pädagogin, vielleicht auch einfach als nicht-gemeiner Mensch), dem Kind zuerst dabei zu helfen, eine Strategie für besseres Verhalten zu entwickeln, bevor ich Strafe in Betracht ziehen kann*. Um das leisten zu können, müsste ein Strafarbeitstext eine quasi geniöse Schöpfung sein. Der ideale Anknüpfungspunkt, um die Beispiele zu besprechen, die Sonja auf Twitter gepostet hat. #nicht

*Abgesehen davon, dass Belohnungssysteme pädagogisch deutlich sinnvoller sind, vgl. hierzu beispielsweise Eichhorn, Christoph: Classroom-Management, Klett-Cotta 2008.

Mit den Augen der SchülerInnen gelesen

Auch wenn ich weiß, warum es Sinn macht, im Unterricht ruhig zu sein, meine Unterlagen mitzubringen, pünktlich zu sein und weder meinen KuK noch den SuS Gewalt anzutun – hey, immerhin bin ich eine von denen, die das jeden Tag einfordern – würde ich die abgebildeten Texte wahrscheinlich nicht einmal in meiner Montagsschrift mit dem Gestus eines trotzigen Achtklässlers abschreiben, wenn ich trotzdem gegen eine dieser Regeln verstoßen hätte, sondern diese Aufgabe rundheraus verweigern!

Damit klar wird, warum ich zu dieser renitenten, "von schlechter Erziehung zeugenden" Sichtweise gekommen bin ("Tz! Die LehrerInnen von heute! Fast so schlimm wie die Jugend!"), gibt es gleich noch einmal das Foto von Sonja zum genauen Nachlesen. Danach möchte ich diese Botschaften (sehr frei nach Schulz von Thun) aus der Perspektive von SuS interpretieren, die auf dem Beziehungsohr zur Lehrkraft sehr sensibel sind, weil sie schlechte Erfahrungen gemacht oder ein negatives Selbstkonzept haben. Ich lasse mir an dieser Stelle gerne vorwerfen, dass meine Lesart wahnsinnig übertrieben, spitzfindig und negativ ist – schließlich arbeiten in den Grundschulen menschenfreundliche LehrerInnen, die auf ihre SuS eingehen können, sodass Hoffnung besteht, dass diese Sichtweise nie zutrifft, dennoch werde ich vorsichtshalber im Anschluss an die Interpretation auf meine Beweggründe eingehen.

(Klick auf die Grafik, um sie zu vergrößern. Fotografie von @frausonnig// Blog: "Sonnige Einsichten ins Lehrerleben")

"Das Abschreiben von Schulregeln löst Probleme von Pünktlichkeit bis Schlagen" - eine (zynische) Interpetation

Liest ein/e SchülerIn diesen Text, die ein negatives Selbstkonzept oder eine mit schlechten Erfahrungen besetzte Beziehung zur Schule hat, könnte er/ sie lesen: ...

  • „Du hast dich danebenbenommen (vielleicht hast du sogar jemandem wehgetan), weißt möglicherweise nicht, was du stattdessen tun sollst, weil du niemanden hast, der dir zeigt, wie es anders geht, aber hey, schreib doch einfach mal diesen Text ab, dann bist du zumindest beschäftigt und stellst in dieser Zeit nichts anderes an!“

z.B. in der Textstelle „Das [diesen Text abzuschreiben] ist eigentlich eine vollkommen unnütze und überflüssige Arbeit“

  • „Egal, was der Grund war, es ist wahrscheinlich sowieso nur eine blöde Ausrede, weswegen es mich nicht interessiert! Und auch wenn es keine Ausrede ist, bist du trotzdem schuld!“

z.B. in der Textstelle „Die Gründe dafür [das Fehlverhalten] sind sicherlich vielfältig und meist immer die Gleichen: ‚Er/ sie hat angefangen…/ Ich wollte nur kurz… […]‘ Ob dies nun stimmt oder nicht, das ist eigentlich uninteressant…“

  • „Vielleicht kennst du weder die genaue Bedeutung von ‚Stärke‘, noch hast du das Fremdwort ‚Situation‘ jemals gehört. Aber das ist genau wie die Ursache total egal, denn jeder außer dir weiß, wie man sich benimmt – sonst würden wir das ja in der Schule trainieren, aber es reicht, wenn du diesen Text abschreibst und dabei das Blatt durch das mehrfache Buchstabieren von ‚Situationen‘ schon durchgewetzt ist!“

z.B. in der Textstelle „Zudem ist es eine Stärke eines Menschen in schwierigen Situationen die Ruhe zu bewahren und nicht gleich auszuflippen!“

  • „Du meine Güte, was haben dir deine Eltern eigentlich beigebracht? Die wissen bestimmt nicht mal, wie man 'Höflichkeit' schreibt. Das Wichtigste ist sowieso, die Lehrer nicht zu stören! Wenn der Unterricht nicht läuft und du deine Hausaufgaben nicht machen kannst, ist es eigentlich nur deine Schuld! Dass man etwas nicht versteht, kommt immer davon, dass man stört – auf keinen Fall ist es umgekehrt!“

z.B. in der Textstelle „Es ist einfach eine Sache der Höflichkeit, sich im Unterricht zu benehmen. Du störst nicht nur deine Lehrer, sondern auch deine Klassenkameraden, die gerne aufpassen wollen und durch deine Störung nun abgelenkt werden. Aber natürlich störst du dich auch selbst, denn du konntest in dem Moment, in dem du gestört hast, nicht mehr aufpassen. Das hat dann Folgen für dich: du verpasst etwas im Unterricht und kannst dann die Hausaufgaben nicht alleine erledigen.“

  • „Ich hoffe, du hast gemerkt, dass du und dein Verhalten mir nicht vollkommen egal sind. Aber, naja…vielleicht doch. Sonst hätte ich das nicht so formuliert, sonden stattdessen geschrieben, dass wir auf jeden Fall miteinander reden sollten, weil ich dich unterstützen will, statt dir diesen Text aufs Auge zu drücken. Aber eigentlich hoffe ich, dass du nicht damit ankommst – sonst müsste ich mir am Ende doch noch anhören, dass dein Hamster gestorben ist und selbst für wahre Ausreden habe ich keine Zeit.“

z.B. in der Textstelle „Ich hoffe, du hast gemerkt, dass du und dein Verhalten mir nicht vollkommen egal sind. Wenn du möchtest, kannst du ja in den nächsten Tagen mit mir darüber reden.“

Das Schlimmste befürchten, das Beste erwarten

Wenn ich diese Seiten lese, dann drängt sich mir unweigerlich das Bild auf, dass es zwar einerseits klar ist, dass diese SuS an eine Schule kommen, um mit einzelnen Buchstaben und den Zahlen bis zehn anzufangen – dass man aber gleichzeitig von ihnen Selbstregulation und Verantwortungsbewusstsein erwartet, Perspektivenübernahme und die Wahrung aller „Tugenden“, die im Erziehungsauftrag formuliert sind. Das ist nicht nur überzogen, das ist auch verdammt unfair.

Wenn es nach mir ginge, könnte man in der Pädagogik überhaupt nicht optimistisch genug sein, denn man muss immer darauf vertrauen, dass man das Ziel erreicht, auf das man hinarbeitet. Wäre das so, dann könnte man diese Texte auch bedenkenlos einsetzen, weil der Anspruch, damit eine Veränderung zu erreichen, genügen würde. Betrachtet man die Schulrealität als andere Seite der Medaille, bedeutet das aber auch, alle nur möglichen Schwierigkeiten bedenken zu müssen, um die Startbedingungen objektiv analysieren und den Lernprozess optimal gestalten zu können.

Rufen wir uns ganz kurz die Zielgruppe dieser Strafarbeiten vor Augen: Es handelt sich um Grundschüler der zweiten bis vierten Jahrgangsstufe, also schätzungsweise sieben- bis zehnjährige Kinder, die quasi gerade erst Lesen und Schreiben gelernt haben, die sich damit und mit dem Rechnen und den vielen anderen Dingen, die man tagtäglich von ihnen erwartet, manchmal noch schwertun, obwohl einige von ihnen vielleicht immer noch nach Hilfe schielen, wenn ihnen die Schnürsenkel aufgegangen sind oder die Wasserflasche ausgelaufen ist und alle Hefte auf einmal nassgeworden sind. Kinder, die noch keiner danach „sortiert“ hat, ob sie einen einseitigen Text in einer halben oder drei Stunden abschreiben können und von denen man nicht pauschal sagen kann, dass sie zuhause Unterstützung erfahren würden, wenn sie sie brauchen. Viele von ihnen haben außerhalb der Schule die Lerngelegenheiten, das liebevolle Umfeld und alles, was sie sonst noch so brauchen – und das ist wunderbar und natürlich wünsche ich mir das für jedes Kind. Aber die Realität ist auch, dass manche von ihnen kein Frühstück hatten und mittags niemand nach ihnen schauen kann, bis die Mama um 18 Uhr von der Arbeit heimkommt und nicht mal mehr richtig mitbekommt, dass das Kind in schwierigen Situationen eben noch keine Ruhe bewahren kann, weil sie seit 14 Stunden auf den Beinen ist und müde alles unterschreibt, was auf dem Küchentisch liegt. Das hat nichts mit Schwarzmalerei und nichts mit Helikopterlehrerin zu tun – das ist leider einfach so und es ist vor allem der Grund, weswegen ich einen großen Bogen spanne, wenn ich diesen Text schreibe: Schule ist keine Institution, die erzieherische Versäumnisse im häuslichen Umfeld komplett auffangen und ummünzen kann. Aber wir sind der wichtigste Ort neben dem Zuhause, an dem Kinder Erziehung erfahren, und dieser Verantwortung sollten wir uns bewusst sein, wenn wir die entsprechenden Maßnahmen anwenden.

Die Kinder, von denen diese Texte ausgehen, sollen bitte einfach Einsichten haben, ohne einen Lernprozess dafür zu brauchen, beziehungsweise sie setzen voraus, dass das Abschreiben eines Textes genügt, um diesen zu vollziehen – und gleichzeitig negieren sie schon in den ersten Zeilen die Sinnhaftigkeit dieser Aufgabe, weswegen der netteste Begriff, der mir für diese Texte einfällt, „paradox“ ist – über die anderen breite ich an dieser Stelle einen Mantel des Schweigens.

Diese Strafarbeiten sind von der Überzeugung geprägt, dass alle Kinder wissen, warum sie sich an die Regeln halten sollen und wie sie sich verhalten müssten, um keine Regelverstöße zu begehen. Sie setzen ihnen die pädagogische Brille der Lehrer auf, ohne ihnen die Erfahrungen zuzugestehen, die die Erwachsenen schon gemacht haben und ziehen dabei nicht in Betracht, dass es Kinder gibt, die kein Umfeld haben, in dem sie angemessenes Verhalten lernen könnten.

Unverhältnismäßige Patentrezepte

Ich könnte mich jetzt an dieser Stelle seitenweise darüber aufregen, wie sehr Autoren den Schuss nicht gehört haben, wenn sie das (sogar mehrfache!!!) "Schlagen und Beleidigen" anderer SuS in eine Reihe mit den anderen "Vergehen" Unterrichtsstörungen, Unpünktlichkeit und Vergesslichkeit stellen, indem es - zumindest der Indizienlage dieses Planers nach - mit der gleichen Sanktion belegt werden kann wie z.B. der Umstand, mehrmals seine Materialien vergessen zu haben oder unpünktlich gewesen zu sein, denn das ist eine vollkommen unverhältnismäßige Verschleierung der Tatsache, dass im Falle des Schlagens und Beleidigens andere (meist Kinder!) körperlich oder seelisch zu Schaden kommen. 

Letztlich verweist die Existenz dieser Texte leider in besonders krasser Weise auf einen immer noch weit verbreiteten pädagogischen Irrglauben, dass es erzieherische Patentrezepte gebe, deren Anwendung ohne genaueres Ansehen von Schüler und Vergehen zu einer Verbesserung führen kann. Wer erzieht, wünscht sich solche Rezepte - und das ist auch nicht wirklich verwunderlich, denn durch ihre Wirkungsoffenheit stellt uns Erziehung täglich vor neu zu bewältigende Herausforderungen. Sobald man allerdings akzeptiert, dass es keine Patentrezepte gibt und dass die individuelle Person und Situation in den Blick genommen werden müssen, hat man einen deutlich freieren Blick auf Erziehungsmaßnahmen, die tatsächlich erfolgreich sein könnten, weil sie eine Hilfe für die Zukunft und keine Sanktionierung der Vergangenheit darstellen.

"Wer schreiben lässt, bleibt."

Wie ich im Zwischenfazit bereits festgestellt habe, mag es durchaus Fälle geben, in denen das Abschreiben von Texten als Erziehungsmaßnahme den gewünschten Effekt haben kann - sie bewegen sich allerdings in sehr eng gesteckten Grenzen, die (wie bei allen anderen Erziehungsmaßnahmen) vom Vermögen der SuS bestimmt werden, ihr Verhalten mittels/ wegen der Maßnahme zu verändern.

Das titelgebende Sprichwort "Wer schreibt, bleibt." bedeutet eigentlich, dass man in Erinnerung bleibt, wenn man das aufschreibt, was man denkt. Vielleicht ist auch das eine Hilfe: Sich vorzustellen, dass auch der, der schreiben lässt, bleibt - nämlich den SuS in Erinnerung. Um in der Erwachsenenwelt zurechtzukommen, sind die angemahnten Punkte Pünktlichkeit, Sorgfalt, Aufmerksamkeit und Gewaltlosigkeit an sich ja immens wichtig - wer also Strategien bereitstellt statt zu strafen, wird sich sicherlich einer besseren Erinnerung versichern können. 😏

Und bevor mir jetzt destruktive Kritik vorgeworfen wird und die Frage "Was soll man denn statt Abschreiben-Lassen machen?": Einfach mal rüberklicken zu meinem ebenfalls brandaktuellen Beitrag "Schiedsrichterkarten als Reflexionsanlass" - darin stelle ich nämlich eine alternative Idee vor!

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