Im Spiegel – Ein Essay über Reflexionskompetenz

Abstract

Worum geht’s? | Ein zentrales Ziel der Lehrerausbildung ist die Entwicklung von Reflexionskompetenz. Deren Anbahnung geht einher mit der stetig wiederkehrenden Aufgabe an die Auszubildenden, das eigene pädagogische und didaktische Handeln und Wirken zu reflektieren. Die Lösung dieser Aufgabe stellt sie vor große Herausforderungen, weil sie voraussetzt, sich einen Spiegel vorzuhalten, das Gesehene von sich selbst zu abstrahieren und die eigenen Handlungen in den Zusammenhang des großen Ganzen einzuordnen, um die Rolle des Lehrenden für den Lernerfolg der SchülerInnen zu beurteilen und die eigene Professionalität weiterzuentwickeln. Vielfach wird die Entwicklung von Reflexionskompetenz als unangenehm betrachtet, weil sie auf einer Ebene stattfindet, die tief unter aller Professionalität in unserer Persönlichkeit beheimatet zu sein und ihre Bewertung damit unser Selbst anzugreifen scheint, an das wir keine Fremden heranlassen wollen.

Mit diesem Essay möchte ich zu zeigen versuchen, dass auch die Reflexion auf der persönlichen Ebene eine zentrale Rolle in der Entwicklung der Lehrerpersönlichkeit spielen und für das eigene Verständnis von Unterrichts- und Lehrerfolg von großer Bedeutung sein kann, und dass es sich lohnt, sich auf diese Herausforderung einzulassen, auch wenn sie unangenehm erscheinen mag.

Prolog: Rückspiegel

Wir glauben, uns nicht deutlicher und unmittelbarer erblicken zu können als durch einen Blick in den Spiegel. Es war für uns ein großer Moment in der kindlichen Entwicklung, in dieses glatte Glasgebilde zu blicken und zu verstehen, dass das Gegenüber das eigene Erscheinungsbild ist, das wir fortan mit dem Selbst verknüpften. Während dies einen Moment des unvoreingenommenen Entdeckens darstellte, verloren wir während des Erwachsenwerdens dieses Talent und sehen nun stattdessen ein Bild, das wir anhand der kultureller Kategorien bewerten.

Während sich das Kind für die Farbe seiner Haare, die Form seines Gesichts und das Leuchten in den Augen begeistern kann, sehen und zählen wir die Falten und grauen Haare, greifen zur Tönung und zur Anti-Falten-Creme und wenden uns desillusioniert ab, auch wenn wir im Moment zuvor noch Anlass zum Strahlen hatten. Mit dem Erlebnischarakter des Erkundens unserer Individualität geht uns die Gabe verloren, sie für uns zu nutzen. Deswegen wird es Zeit, dass wir sie wiederentdecken – auch und gerade für die Schule, den Unterricht und das Lernen.

Erkenne den Lehrenden in Dir!

Passiv-Reflexiv

Oh, wie habe ich es anfangs gehasst, dass die Stundenbesprechungen mit den FachleiterInnen immer mit dieser einen Aufgabe begannen: „Nun erzählen Sie doch mal, wie Sie die Stunde erlebt haben!“ Gerade dann, wenn die Reflexionsgespräche unmittelbar nach der jeweiligen Unterrichtseinheit stattfanden, war ich noch viel zu fertig mit der Welt. Während die FachleiterInnen die Stunde gesehen hatten, hatte ich sie als einer ihrer AkteurInnen erlebt, war ganz tief drin gewesen in den Geschehnissen, sodass ich wenige Minuten nach dem Ende dieses fulminanten und kräfteraubenden Schauspiels nicht in der Lage war, einen klaren Gedanken zu fassen, den ich als einer Reflexion würdig empfand. Außerdem hatte ich einen Trugschluss aus all dem, was ich vor dem Referendariat über selbiges gehört hatte, mitgenommen: Ich glaubte, dass es ohnehin nur falsch sein könnte, was ich sagen würde, denn ganz egal, was es wäre, würde es sowieso nur den einen wahren, weil allerschlimmsten, Kritikpunkt an dieser Stunde geben, mit dem ich die Reflexion würde beginnen müssen – eben der, den sich der Fachleiter im Geiste bereits fünf Mal mit Rot umrandet hatte, weil er auf jeden Fall besprochen werden müsste, damit mir dieser Fehler nicht ein zweites Mal unterlaufe.

Aus diesem Trugschluss resultierte eine gewisse Passivität, denn ich setzte das Reflektieren mit dem Reflektiert-Werden gleich, selbst wenn das allein semantisch ein Ding der Unmöglichkeit sein sollte. Das kam nicht allein von den Schauer- und Ammenmärchen, die über das Referendariat kursieren, sondern auch davon, dass ich es seit meiner eigenen Schulzeit schlichtweg gewohnt war, bewertet zu werden – nicht aber, meine eigenen Schlüsse daraus ziehen zu müssen, um es besser zu machen. Der heilige Gral, um in Prüfungen besser abzuschneiden, scheint nach wie vor zu sein, mehr Zeit und Aufwand in ihre Vorbereitung investieren zu müssen: „Dann musst Du beim nächsten Mal mehr lernen!“, schallt es wahrscheinlich heute noch täglich tausendfach SchülerInnen entgegen. Über das "Wie?" wird dagegen selten gesprochen.

Während ich mich also passiv reflektieren ließ, steckte ich die Aktivität ins Mehr: Ein Mehr an Vorbereitung, ein Mehr an Materialien, ein Mehr an Fachwissen, ein Meer an Arbeit, von dem ich manchmal glaubte, dass ich darin versinken würde… aber ich konnte durch dieses Mehr auch mehr Treffer landen als am Anfang, also konnte es nicht so verkehrt sein. Dabei übersah ich, dass sich bei steigender Quantität nicht die prozentuale Wahrscheinlichkeit für Qualität erhöht, sondern höchstens die absolute Häufigkeit ihres Auftretens.

Falsche Schlüsse

Bewegung geriet erst in die Sache, als ich an vermeintlich klarsten Vorgaben krachend scheiterte. Ich hing an einem Stundenentwurf, sah den Wald vor lauter Bäumen nicht und sprach mit meinem Fachleiter darüber, dass ich mir nicht sicher sei, wie ich diese denn nun wirklich aufziehen sollte. Ich hatte Ideen, von denen ich ihm erzählte, Inhalte, Methoden, Medien…aber wohin das Ganze wirklich führen sollte, das konnte ich nicht auf einen klaren Nenner bringen. Er half mir, indem er mir das abnahm, womit ich mir am schwersten tat: Er nannte das Stundenziel in einem einzigen klaren Satz, der mit „In dieser Stunde sollen die SchülerInnen lernen, dass…“ begann. Er tat es in so einleuchtender Weise, dass die Vorbereitung nun zum Selbstläufer wurde.

Mit einer vermeintlich perfekt vorbereiteten Stunde stellte ich mich vor diese Klasse. Ich hatte geglaubt, daran eine Kontroverse entzünden zu können, eine Diskussion in Gang zu bringen, Pro und Contra zu beleuchten und zu einem differenzierten Schluss kommen zu können… Aber ich musste bereits bei der Besprechung des Einstiegsvideos erkennen, dass ich für die Erarbeitung des Themas einen Inhalt gewählt hatte, der den SchülerInnen gelinde gesagt am Allerwertesten vorbeiging. Ich erntete gelangweilte Gesichter, weil ihnen das gewählte Beispiel buchstäblich so egal war wie der berühmte Sack Reis in China, und ich musste feststellen, dass sie beim Ausdrücken ihrer Langeweile noch die ausgesuchte Höflichkeit besaßen, die Referendarin nicht völlig im Regen stehen zu lassen und bis zum Stundenende zumindest gelegentlich den Finger zu heben, um mich mit der Arbeit nicht ganz allein zu lassen.

Was erwartete ich für ein Donnerwetter in der Reflexion! Ich war leidlich erleichtert, diesmal zumindest auf die klassische Einstiegsfrage etwas erwidern zu können, denn es war überaus einleuchtend, dass das Schlagwort „mangelnde Schülerorientierung“ würde fallen müssen. Ich kam nicht wirklich dazu, denn ich musste keine Moralpredigt über mich ergehen lassen, keine Alternativentwürfe zum Thema aus dem Hut zaubern, keinen Königsweg aufschreiben, der mich nächstes Mal zum Ziel bringen würde. Der Fachleiter sagte schlicht: „Das passiert Ihnen nie wieder!“ Und er hatte Recht.

Zu denken geben. Aber als Geschenk.

Kürzlich wurde mir dieser Tweet in die Timeline gespült und er trifft das, was in diesem Moment passierte, auf den Punkt:

 

Nachdem alles so in die Binsen gegangen war, hätte ich vor einem Vortrag, wie man es besser hätte machen können, sicherlich nicht die Ohren verschließen können. Ich hätte mir bereitwillig alles angehört und mitgeschrieben, um es dann sukzessive nachzumachen, wie ich es eben bisher getan hatte, nur wahrscheinlich mit noch ein bisschen mehr Fleiß und mehr Arbeit, damit ich beim nächsten Mal ans Ziel kommen würde.

Aber weil der Fachleiter ganz genau wusste, dass nicht er, sondern mein gerade begangener Fehler, mein bester Lehrer sein würde1, unterließ er genau das. Damit hatte ich allerdings nicht mehr die Wahl, passiv-rezipierend zu bleiben, wenn ich es beim nächsten Mal besser machen wollte. Vielleicht, so denke ich heute, wusste er es schon, dass ich diesen Fehler machen würde, wenn er mir die Hilfestellung des Ziels mit auf den Weg gab. Falls er es wusste, da bin ich mir sicher, war es die beste Entscheidung, mich vollem Anlauf ins Fettnäpfchen springen zu lassen.

Denn indem er mir geholfen hatte, weil er mir durch die Wiedergabe des Lernziels in einem klaren und verständlichen Satz klar vor Augen geführt hatte, worauf wir in der Stunde hinarbeiten sollten, war es umso deutlicher, dass ich den falschen Weg gewählt hatte, um dieses auch wirklich zu erreichen. Und da die SchülerInnen nicht das Interesse verloren hatten, weil gerade ein Heißluftballon am Fenster vorbeigeschwebt oder etwas anderes Aufmerksamkeitsheischendes passiert war, gab es keine andere Möglichkeit, als den Schwund ihres Interesses auf meine Stundenplanung und deren Umsetzung zurückzuführen.

Damit stand mir so klar wie nie zuvor vor Augen, welche Gestaltungsmacht ich in dieser Stunde gehabt hatte, die ich aber vollkommen falsch genutzt hatte. Nur indem ich die Verantwortung für das Scheitern übernahm und aktiv nach einer Lösung suchte, würde es mir gelingen, fortan nicht mehr in diese Falle zu tappen.

Demontage oder: Erkenne dich selbst!

Gespiegelt

Mit dem Verlassen der Seminarschule waren sie plötzlich in weiter Ferne: Die FachleiterInnen, die zu Vorbildern geworden waren, weil sie die pädagogischen und didaktischen Prinzipien im Einklang mit ihrer Lehrerpersönlichkeit umsetzen konnten. Ebenso die mühsam aufgebauten Muster des Reflektierens, geblieben war das Bisschen Selbstreflexionskompetenz, das mir die krachenden Niederlagen beschert hatten, denn auch wenn mir das mit der Schülerorientierung in diesem Ausmaß (bisher) wirklich nicht mehr passiert ist, gab und gibt es noch viele andere Fehler, die ich machte und machen muss, damit sie meine Lehrer werden können - so viel hatte ich an diesem Punkt schon festgestellt.

Hinzu kamen neue BegleiterInnen auf dem Weg der Ausbildung und ich durfte andere Erfahrung des Reflektiert-Werdens und Reflektierens machen:

Die Reflexion des professionellen Handelns in der Schule erfolgt nicht zu einem Selbstzweck, sondern weil es darum geht, die eigene Wirkung auf andere zu erkennen und aus ihr Schlüsse abzuleiten, um dem eigentlichen Ziel von Schule - dem Lernerfolg - näher zu kommen. Betrachtet man die Defizite, kann man an diesen arbeiten, so glauben wir. Wenn wir davon sprechen, dass uns andere Menschen den Spiegel vorhalten, dann bezieht sich diese Redewendung meist darauf, dass wir durch das Verhalten anderer bemerken, was wir selbst falsch machen, indem wir Gemeinsamkeiten mit ihren Handlungen erkennen. Aber das ist nicht die einzige Möglichkeit, dieses geflügelte Wort zu interpretieren.

Nun erlebte ich eine Mentorin, die den Spieß herumdrehte: Sie spiegelte mir konsequent mein positives Wirken. Die erste Erfahrung dieser Art war vollkommen ungewohnt für mich, denn ich wartete die ganze Zeit darauf, dass sie endlich zur Kritik kommen würde, zu den Entwicklungspunkten, zu ihren Tipps für mein zukünftiges Handeln. #sandwichmethode Vielleicht, so dachte ich, sei das eine neue Form der Prüfung, vielleicht müsse ich mir aus dem Nichtgesagten die Kritik ableiten – solche schrägen Dinge soll es geben…

 

Ein bisschen alleingelassen mit der Aufgabe, die vorher die FachleiterInnen gestellt und teils auch erfüllt hatten, versuchte ich also, mich selbst genau zu beobachten. Das ist im Unterricht weiß Gott schwierig, wenn man mit tausend Dingen gleichzeitig beschäftigt ist. Während ich auf der Suche nach dem war, was ich besser machen musste, weil ich ja durchaus sah, dass mein Unterricht noch lange nicht so lief, wie ich ihn gerne haben wollte, begann zu bemerken, dass diese neuen, positiven Spiegelungen in meinen Hirnwindungen rumorten, weil ich ihnen noch keinen Sinn für meine Entwicklung beimessen konnte, denn ich war darauf getrimmt, die Fehler zu suchen und mich nach bekannten Kategorien zu bewerten. Weil aber die Mentorin gleichzeitig von dieser Strategie keinen Meter abwich, sondern konsequent jedes Mal, wenn sie etwas Positives bemerkte, darauf hinwies, verstand ich, dass es ihr damit ernst war, dass es kein Versehen gewesen war oder ein besonders netter Einstieg an der neuen Schule. Sie zog das durch, ohne den Eindruck zu erwecken, dass sie sich etwas verkniffen hätte oder die Reflexion als unvollständig empfand.

Durch den Spiegel, der mir auf diese außergewöhnliche Weise vorgehalten wurde, lernte ich, dass die Frage danach, wie man etwas besser machen kann, dann umso einfacher beantworten kann, wenn man sich darüber klar wird, was man gut gemacht hat – und vor allem: Warum es gut gewesen war. Ich lernte zu abstrahieren, die Gelingensbedingungen nicht mehr einer einzelnen Stunde zuzuordnen, sondern übergreifende Prinzipien im Scheitern und Funktionieren zu erkennen.

Gleichzeitig – und das war die noch viel spannendere Erfahrung – führte ich diese nicht mehr allein auf die individuellen, für einzelne Lernschritte eben nötigen Handlungen und Entscheidungen zurück, sondern begann ganz langsam und in kleinen Schritten, meine zugrundeliegenden Talente, mein Wissen, meine Erfahrungen zu analysieren. Während es mir zuvor so erschienen war, als müsse ich allein an meinen Defiziten arbeiten, erkannte ich nun, dass es absoluter Käse war, alles auf dem aufzubauen, was ich noch nicht konnte, statt mir zuerst das zunutze zu machen, was ich bereits konnte und somit mir und den SchülerInnen eine Reihe von Frustrationen zu ersparen. Neben den vielen Dingen, die ich unbedingt lernen musste, gab es nämlich eine ganze Reihe von Aspekten, bei denen ich eine Wahl hatte, die ich viel besser treffen konnte, wenn ich nicht nur die größte Herausforderung für mich wählte, sondern den Weg, den ich als individuelle Lehrerinnenpersönlichkeit mit meinen SchülerInnen am erfolgversprechendsten bestreiten konnte.

 

Vielleicht klingt das nach einem Rückschritt: Sich auf Talente zu besinnen statt Herausforderungen anzunehmen, das Gute in den Fokus zu rücken und die Schwierigkeiten beiseite zu schieben. Für mich war es keiner, im Gegenteil: Solange man auch hier konsequent genug mit der Selbstreflexion ist, damit, eigene und fremde Einflüsse zu trennen und die Frage nach dem „Warum?“ solange zu stellen, bis der Erfolg in seine Details demontiert wurde, lassen sich aus der Kombination der Exemplarität des Gelungenen UND des Gescheiterten deutlich bessere Regeln für zukünftig Gelingendes ableiten als durch eine gezwungene, missmutige Analyse des Scheiterns.

Während ich zuerst gelernt hatte, festzustellen, welche Fehler mir nie, nie wieder unterlaufen sollten, lernte ich nun, was ich unbedingt immer und immer wieder tun und beherzigen sollte, um erfolgreich zu Lehren und das Lernen meiner SchülerInnen in gewinnbringender Weise zu organisieren. Statt die Entwicklungsaufgaben ins Zentrum des Unterrichts zu stellen, um ein möglichst breites Feld für deren Erprobung zu haben, lernte ich, sie in langsam wachsenden Ausmaß in einen Rahmen zu integrieren, den ich bereits als erfolgversprechend erlebt hatte. Es war viel einfacher, den Gewinn durch die Integration neuer Elemente zu analysieren, wenn mir der Rahmen bereits bekannt war. Natürlich verkehren sich das Verhältnis von Neuem und Bekanntem automatisch, wenn die Erfahrung wächst. Weil jede Stunde in einer Lerngruppe von einer Vielzahl von Variablen bestimmt wird, ist es aber essenziell, diese auch sowohl getrennt voneinander als auch im Zusammenhang reflektieren zu können.

Aktiv-Reflexiv

Wir lernen schon im Studium in verschiedensten Disziplinen - Fachwissenschaft, Didaktik, Psychologie und Pädagogik - und trotzdem fällt es unglaublich schwer, Fehlerquellen nach diesen Kategorien zu unterscheiden, wenn im Unterricht auf einmal alles gleichzeitig gefragt ist. #interdependenz  Indem ich lernte, die richtigen Fragen an das Geflecht aus erdrückend vielen Variablen zu stellen, um die Wurzel des Übels zu finden, statt mich auf einen neuen Ast zu setzen und zu hoffen, dass dieser nicht abbrechen würde, legte ich den Grundstein für das, was wir als aktives Reflektieren aus der Ausbildung mitnehmen sollen.

Probleme selbstständig erkennen zu können statt auf Beobachtungen von außen angewiesen zu sein, befreite mich vom Gefühl der Hilflosigkeit in anspruchsvolleren Situationen: Je weniger Besuch ich im Unterricht hatte, desto notwendiger war es, die richtigen Fragen aus dieser Zeit mitnehmen zu können, um sie erfahreneren KollegInnen zu stellen und von ihnen Tipps zu erhalten. Genau dieses Um-Rat-Fragen war nun eine Emanzipation und nicht länger das Eingeständnis von Unzulänglichkeit, denn  Stärken und Schwächen erkannt zu haben, ermöglichte es, diese Ratschläge auf Anwendbarkeit für meine Lerngruppe und meine Lehrerpersönlichkeit zu prüfen statt sie unhinterfragt zu übernehmen und damit von vornherein zum erneuten Scheitern verdammt zu sein.

Freunde statt Vorbilder

Ich habe den vorhergehenden Abschnitt mit „Demontage“ überschrieben und dieser Begriff klingt wahrscheinlich auf den ersten Blick sehr negativ. Damit spiegelt er das Empfinden wider, wenn man über Schwächen und Fehler sprechen muss: Durch die Preisgabe dieser persönlichen Dinge demontiert man sich vor seinem Gegenüber und macht sich potenziell angreifbar. Zumindest glauben wir das, weil das Zugeben von Schwierigkeiten oder auch das Empfinden von Ängsten kein anerkannter Teil der Professionalisierung ist.3 Bei aller Professionalisierung der Reflexion, die ich eben schon beschrieben habe, ist es immer wieder aufs Neue ein Wagnis, Fragen zu stellen und damit Hilfe zu suchen, weil wir damit eben auch eine Aussage über unser Empfinden und nicht nur über die Situation treffen.

Der Kreis der Freunde ist der, dem wir zugestehen, persönlich zu werden. Von Freunden lassen wir uns auf Schwächen hinweisen, Freunden gestehen wir Ängste, Freunde fragen wir nach einem Rat, ohne uns fürchten zu müssen, dass sie unser Gesuch gegen uns verwenden werden, weil wir einander nahestehen und weil diese Erfahrung des Zugebens und Hilfesuchens auf Gegenseitigkeit beruht statt wie im Fall der Bewertungen im Berufsleben eine Einbahnstraße zu sein.

Indem mir in der Folgezeit an der Einsatzschule und über meine Zeit dort hinaus zum ersten Mal KollegInnen zu FreundInnen wurden, bekam meine Reflexion einen dritten Bezugsrahmen neben der kritisch-konstruktiven Bewertungsreflexion und der vom positiven Spiegeln angeleiteten Selbstbeobachtung: Das Erkennen meiner professionellen Individualität durch die Entdeckung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden auf einer vertrauteren und trotzdem irgendwie im beruflichen Rahmen stattfindenden Basis.

Um zu verstehen, warum gerade auch das Gespräch mit den FrollegInnen zu einem wichtigen Meilenstein der Entwicklung meiner Reflexionskompetenz wurden, ist es notwendig, an die Rolle der Vorbilder zu erinnern: Vorbilder, also das was FachleiterInnen während der Ausbildung im glücklichen Fall werden können, symbolisieren etwas, das man möglicherweise erreichen kann, indem man lernt und an Erfahrung gewinnt und alle Ampeln auf Grün stehen oder so ähnlich. Über ihren Weg dorthin erfahren die ReferendarInnen kaum etwas – und falls doch, sind es selten die Schwierigkeiten, die Stolpersteine und die Irrwege, über die so umfassend geredet wird, dass man Gemeinsamkeiten entdecken könnte.

Das Problem ist aber halt nun mal – ich entschuldige mich bereits jetzt in aller Form bei Ines (@seni_bl), Kai (@Woe_Real), Anne (@annekatweiss), Jan (@vedducation), Monika (@M_Heusinger) und vielen anderen für diesen Satz und hoffe, seine Bedeutung gleich aufklären zu können – dass FachleiterInnen keine Menschen sind. Denn so sehr es aus objektiven Gründen klar sein sollte, dass auch FachleiterInnen einmal Referendare und JunglehrerInnen waren, die eine Entwicklung durchmachen mussten, um an den Punkt ihrer Laufbahn zu kommen, an dem sie nicht nur die Macht haben, die SchülerInnen, sondern auch die ReferendarInnen zu beurteilen, so wenig greifbar erscheint es, wenn man mitten in der Ausbildung steckt und sich einer Fülle an Herausforderungen gegenüber sieht, die vom Gegenüber schon bewältigt wurden.

Um jemanden wirklich als Menschen erkennen zu können, genügt es nicht, um seine Stärken zu wissen und einen einzelnen Entwicklungsstand kennenzulernen, sondern man muss auch, zumindest hin und wieder, Gelegenheit bekommen, auf seine Eigenheiten und Schwächen zu blicken, damit man erkennen kann, dass sich auch die Entwicklung des Gegenübers nicht ohne genau diese Fehler vollzogen haben kann, die ihnen der beste Lehrer auf ihrem Weg waren. Eine erneute fundamentale Änderung meiner Perspektive auf die Entwicklung brachte es daher mit sich, als ich nicht mehr nur auf Vorbilder blickte, sondern als ich KollegInnen, die ich durchaus auch häufig als vorbildhaft empfand, als Menschen in der vollen Bedeutung des Wortes erleben durfte.

 

Hatte ich zuvor pädagogische und didaktische Ideen verhandelt, dann hatte ich das immer in Bezug zu aktuellen didaktischen Erkenntnissen getan: „Hattie sagt, Hilbert Meyer sagt, der Lehrplan sagt…“ Diese kriteriale Bezugsnorm auf unser pädagogisches Handeln anzuwenden, ist sinnvoll, denn sie spiegelt wissenschaftlich fundierte Erkenntnis wider. Gleichzeitig sind alle Umsetzungsideen immer nur exemplarischer Natur. Wie sehr es notwendig ist, den Weg auf das im vorherigen Schritt erkannte individuelle Können anzupassen, lernte ich an einem einfachen Satz, der im Lehrerzimmer immer wieder fällt, wenn nach den Wegen der anderen gefragt wird, eine Anforderung zu erfüllen: „Das könnte ich so nicht!“

Auf den ersten Blick mutet er wie eine Kapitulation an. Auf den zweiten Blick ist es das Ehrlichste, was wir sagen können, wenn wir unseren eigenen Weg finden sollen. Dass ein Kollege einen Weg beschreibt, bezeugt, dass er in der Praxis umsetzbar ist. Ob er es auch für einen selbst ist, steht auf einem ganz anderen Blatt Papier. In dem Moment, wo das Gegenüber, das den Weg erläutert, nicht mehr ganz ausschließlich vorbildhaft ist, weil man durch das Gespräch und das gemeinsame Erleben von Momenten, in denen man nicht mehr ohne Schwächen ist – und wer hat sie nicht manchmal im Lehrerzimmer oder auf dem Weg zum Auto in der Raucherecke5 – erfahren hat, dass es sich um einen Menschen handelt, liegt es viel näher zu fragen, warum man etwas so nicht könnte, wie es der andere macht, statt es aufgrund eines als unüberbrückbar empfundenen Wissens- und Könnensvorsprungs als utopisch abzutun, es jemals zu erlernen.

Ich hoffe, dass damit der Satz der mit „…keine Menschen“ endet, klargeworden ist: Wir alle sind Menschen. Aber solange wir Menschen ausschließlich in den Positionen betrachten, die sie ausfüllen, erliegen wir oft dem Trugschluss, dass sie nur aus der Stärke bestünden, die sie in dorthin gebracht hat, statt den Gedanken zuzulassen, dass auch sie auf diesem Weg Fehler gemacht und aus ihnen gelernt haben.

 

Wenn sich dann heute trotz aller Beteuerungen, auf keinen Fall schon wieder über Schule zu reden wollen, doch mal wieder ein Gespräch über pädagogische Überzeugungen, über Didaktik und Methodik entspinnt, dann freut es mich trotz aller zur Schau getragenen Entrüstung insgeheim. Denn in Unterhaltungen, in denen man über große Sympathie für das Gegenüber verfügt, aber trotzdem nicht auf einen gemeinsamen fachlichen Nenner kommt, lassen sich die eigenen Positionen besonders gut überprüfen. Weil wir wissen, dass es guttut, über Dinge zu reden, „Psychohygiene“ zu betreiben, wie mein Fachleiter in Psychologie zu sagen pflegte, lassen wir uns auf diese Gespräche schon viel bereitwilliger ein. Das innere Bedürfnis, der Position des anderen aus Frollegialität entgegenkommen zu wollen, stellt die Überzeugung für die Sache dann auf eine härtere Probe als eine Bewertungssituation, in der es nicht notwendig ist, sie wirklich zu überdenken, weil man mit einem höflichen Nicken entkommen kann.

Fazit: Spiegelsaal

Vielleicht klingt es anstrengend, wenn ich schreibe, dass der einfache Spiegel vom Anfang mittlerweile ein ganzer Spiegelsaal geworden ist: Eine reflektierende Glasfläche hängt neben der anderen, es gibt kein Entkommen, das eigene Bild wird zurückgeworfen, ganz gleich, an welcher Stelle des Raumes man sich befindet. So schlimm ist es nicht. Genau wie man die Augen einfach öffnen und schließen könnte (wir sind ja hier nicht in Sartres „Geschlossener Gesellschaft“), lässt sich auch der innere Spiegelsaal mit ein bisschen Erfahrung auf dem Gebiet der Reflexionskompetenz ein- und ausschalten.

Und das Einschalten lohnt sich: Blickte man in einen einzigen, immergleichen Spiegel könnte es leicht so aussehen, als tanzen in diesem Saal immer dieselben Tänzer altbekannte Tänze auf einem längst ausgetretenen, aber altbewährten Parkett. Aber die unendlich vielen Perspektiven, die ich in drei Akten exemplarisch vorgestellt habe, ermöglichen eine immer neue Sicht auf das Geschehen, das sich ebenso beständig wandelt, denn – wie wir wissen – läuft in der Schule kein Tag wie der andere.

Ich bin froh, diesen Saal entdeckt zu haben. Vielleicht ist er mein „Raum der Wünsche“ 4 aus dem Referendariat. Aber im Gegensatz zum Spiegel Nerhegeb, in dem Harry Potter immer nur seinen sehnlichsten Wunsch sehen kann, zeigen mir die Spiegel das, was ist, und wenn ich genau hinsehe auch Ideen, wie ich es zukünftig besser machen kann – auch indem ich mir selbst vertraue und mein bereits erworbenes Können für die Sache einsetze.

Epilog: Spiegelfilm

Wenn ich heute in den Spiegel blicke, bin ich nicht mehr das Kind, das das Abbild seines Selbst entdeckt. Aber durch den Weg, den ich gerade beschrieben habe, habe ich begonnen, mir dieses Talent, das ich einmal hatte, zurückzuerobern. Meine Individualität zu erkennen und mich auf dieser Basis zu reflektieren, ermöglicht es mir, beim Blick in den Spiegel kein kontextloses Echtzeit-Bewegtbild zu sehen, sondern einen Film.

Manchmal sind die Bilder, mit denen die Reflexion überblendet wird, unscharf und aus längst vergangenen Zeiten. Manchmal sind sie nur ein paar Wochen alt. Gemeinsam ist ihnen, dass sie mir zeigen, dass ich mich entwickle. Dass das Selbst bei allen innerlichen und äußerlichen Gemeinsamkeiten an keinem Tag so ins Bett geht, wie es aufgestanden ist, weil immer neue Erfahrungen hinzukommen, weil Dinge scheitern und gelingen.

Der beste Lehrer ist der letzte Fehler. Den entdeckenden Blick in den Spiegel verloren zu haben, war einer von diesen Fehlern. Ich werde ihn hoffentlich nie wieder machen.

 

Disclaimer: Momentaufnahme.

Hannes Wader singt in der aktuellsten Version von "Heute hier, morgen dort": "And the years and the days pass me by, go their ways // and the changes are all that remain." Schreibend über Dinge und Prozesse zu reflektieren ist meine Form, sie los- und mich auf Neues einzulassen, indem ich sie für einen Moment festhalte, ansehe und so feststelle, welche Veränderungen davon geblieben sind.

Dieser Text beschreibt eine Entwicklung und trotzdem ist er eine Momentaufnahme, denn auch wenn ich mit der Entwicklung meiner Reflexionskompetenz bisher recht zufrieden bin, wäre es ein Fehler, diesen Prozess als abgeschlossen zu betrachten. In dem Augenblick, in dem Du, geneigter Leser, ihn erfasst, nehme ich also den nächsten Schritt auf meinem Weg, blicke mich im Spiegelsaal um und freue mich, wenn ab und an jemand zu(m) (Unterrichts-)Besuch kommt, um einen weiteren Spiegel aufzuhängen und mir einen neuen Blickwinkel auf die Dinge zu schenken. #konstruktivefeedbackkultur

Ich wünsche Dir, dass Dir Menschen begegnen, deren Blickwinkel Du bereitwillig annehmen kannst, dass sie Dir etwas schenken, das es wert ist, bedacht zu werden, und dass Du Dich bei aller Selbstreflexion nie in Dir selbst gefangen fühlst.

Von <3-en

Kristina

Anmerkungen
  • 1 „Your best teacher is your last mistake.“ ist ein gern bemühtes und vielfach grafisch inszeniertes Zitat, dessen Urheber ich trotz des Bemühens von Suchmaschinen bisher nicht ausmachen konnte. Für sachdienliche Hinweise wäre ich daher dankbar.
  • 2 „Erkenne Dich selbst!“, Gr. „Gnothi seauton“
  • 3 Dies beschreibt Reinhard Kahl in treffender Weise im Interview „Die Individualität des Lernens“, wenn er sagt: „Wir haben keine Schulen, in denen man Angst haben darf.“
  • 4 Der Raum der Wünsche erscheint in „Harry Potter“ immer nur dann, wenn ihn jemand braucht.
  • 5 Rauchen ist natürlich gesundheitsschädlich. Die "Raucherecke" dagegen ist bei uns nach wie vor ein Treffpunkt, der  strategisch günstig auf dem Weg zwischen Schule und Privatleben liegt und deswegen einen gewissen Symbolcharakter für das kollegial-private Gespräch besitzt. 😉
  • Bildquellen:
    • Artikelbild: Pixabay
    • Illstration von "Rückspiegel": Pixabay
    • Illustration von "Passiv-Reflexiv": Pixabay
    • Illustration von "Falsche Schlüsse": Pixabay
    • Illustration des Epilogs: Pixabay

CC BY-SA 4.0
Weiternutzung als OER ausdrücklich erlaubt: Dieses Werk und dessen Inhalte sind - sofern nicht anders angegeben - lizenziert unter CC BY-SA 4.0. Nennung gemäß TULLU-Regel bitte wie folgt: "DieFrauMitDemDromedar.de" von Kristina Wahl, Lizenz: CC BY-SA 4.0.