Gruselgeschichten-Hörspiele: Eine Sequenz zum Erzählen

In diesem Artikel geht es um ein fächerübergreifendes Gruselgeschichten-Hörspiel-Projekt einer 6. Klasse an einer Mittelschule in Bayern.

Wenn es ein „One best Thing“ aus den ersten Unterrichtswochen dieses Schuljahres gibt, dann ist es eindeutig das Projekt, das ich in diesem Beitrag vorstellen möchte. Die letzten Wochen haben die sechste Klasse und ich vorwiegend damit verbracht, im neuen Schuljahr und seinen Abläufen anzukommen, uns aneinander zu gewöhnen und einen gemeinsamen Rhythmus zu finden. 24 gemeinsame Stunden pro Woche und acht Fächer machten dies nötig.  Gerade dann darf aber auch der Spaß nicht zu kurz kommen und deswegen haben wir in der letzten Woche vor den Ferien ein Unterrichtsprojekt gestartet, dessen Lerneffekte nicht nur mich, sondern auch die S*S sehr begeistert haben.

Weil in Deutsch die Sequenz zum Erzählen anstand, und die Erzählmaus und das „schönste Ferienerlebnis“ längst ausgedient haben, haben wir passend zu Halloween ein Hörspielprojekt durchgeführt, bei dem Gruselgeschichten im Mittelpunkt standen. Bereits bei der Ankündigung des Themas und der Aufgabenstellung brandete vorfreudiger Jubel auf. 🎉 Die S*S konnten es gar nicht erwarten, mit dem Schreiben loszulegen und die Texte in Gruppen zu vertonen.

In diesem in diesem Blogbeitrag möchte ich vorstellen, wie wir vorgegangen sind und allen Mut machen, die sich bisher noch nicht an ein Hörspielprojekt gewagt haben, es aber gerne ausprobieren würden. Es lohnt sich! 😊

Das Projekt

Hinweis: Links zu den Materialien sind am Ende des Beitrags zu finden.

Die 5 Phasen, die in der Fledermaus-Grafik abgebildet sind, haben sich insgesamt in zwei Unterrichtswochen abgespielt: In der ersten Woche ging es darum, Grundlagen zu schaffen – hierfür genügten die vom Stundenplan veranschlagten fünf Stunden Deutsch, denn es ging vor allem auch darum, die Grundlagen des Erzählens zu wiederholen und eine Basis (in Form teilweise ganz ordinärer klassischer Grammatik-/Wortschatzübungen) zu schaffen, die den S*S beim Schreiben und überarbeiten als Orientierung dienen sollte. Damit das alles keine langweiligen „Trockenübungen“ blieben, diente uns eine „klassische“ Gruselgeschichte als Untersuchungsgegenstand, aus der wir Merkmale extrahierten, welche wir um weitere Erfahrungen ergänzten.

Die Arbeit an den ganz eigenen Geschichten der SuS nahm dann eine Unterrichtswoche in Anspruch, wobei von den 24 Stunden, die ich in meiner Klasse wöchentlich unterrichte, etwa 15 Stunden für das Projekt benötigt wurden:

  • 1 Stunde: Unterrichtsgespräch – Anknüpfen an die Vorwoche als Einstieg
  • 1 Stunde: Unterrichtsgespräch – Input zu Umsetzungsmöglichkeiten der Schreibplanung
  • 1 Stunde: Einzelarbeit – persönliche Umsetzung der Schreibplanung*
  • 3 Stunden: Einzelarbeit – Schreiben der Rohfassung* nach Feedback zur Schreibplanung (handschriftlich; Der Zeitbedarf variierte stark zwischen den S*S – es kamen Geschichten zwischen eineinhalb und fünf handschriftlichen Seiten heraus.)
    • Differenzierung: Checklisten-Nutzung für die 1. Überarbeitung &
    • Peer-Feedback in Partnerarbeit
  • 3 Stunden: Einzelarbeit Überarbeiten der Geschichten* nach Peer-/Lehrkraft-Feedback (mit Textverarbeitungsprogramm im Computerraum)
  • 4 Stunden: Gruppenarbeit
    • Text kennenlernen
    • Drehbuch/Proben
    • Aufnahme der Hörspiele
  • 2 Stunden: UnterrichtsgesprächAnhören der Hörspiele & Feedback der anderen S*S
  • + 2 Stunden: Gestaltung passender Cover (Kunst)

*Die mit Stern markierten Arbeitsphasen könnten in Hausaufgaben/Arbeitsstunden ausgelagert werden, wenn man weniger Zeit zur Verfügung hat.

Anmerkungen

Meine weiteren Anmerkungen zum Vorgehen möchte ich in Frage-Antwort-Form vorstellen:

  • Für welche Schulformen/Fächer ist das Projekt geeignet?
    • Spezifisch auf die Gruselgeschichten bezogen, die wir vertont haben, ist das Projekt natürlich vornehmlich für fünfte und sechste Klassen geeignet. Mit meinen Mittelschüler*innen war das Projekt super machbar – ausschlaggebend waren schlicht und ergreifend genügend Zeit und Ansprechbarkeit. Auch am Gymnasium würde ich das Projekt so durchführen wollen – hier wäre gerade der Zeitfaktor problematisch. Deswegen könnte man einzelne Phasen auslagern oder versuchen, einen entsprechenden Projekttag ins Leben zu rufen. (Ganz persönlich bin ich der Meinung, dass es eine großartige mündliche Schulaufgabe wäre, aber ich will mich mal nicht zu weit aus dem Fenster lehnen… 😜 )
  • Welche Lernziele können durch dieses Projekt erreicht werden?
    • Durch die Sequenz können zunächst natürlich die Zielsetzungen einer „klassischen“ Sequenz zum Erzählen im Deutschunterricht erreicht werden, die mit dem Verfassen einer Erzählung verbunden sind: Eine logisch aufgebaute, spannend ausgestaltete Geschichte mit passenden Handlungselementen zu verfassen. (Und alles, was dazugehört…)
    • Faszinierend zu sehen war, dass gerade die Elemente, die ich bisher als eher „trocken“ in der Erarbeitung erlebt habe, durch die Einbettung in den größeren Kontext „Hörspiel“ an Bedeutung gewannen. z.B. Abwechslungsreiche Wortwahl? – Wichtig, sonst wird es langweilig beim Vorlesen!/ Wörtliche Rede? – Mega-wichtig! Schließlich soll ja nicht nur der*die Erzähler*in was zu sagen haben!
    • Daneben hatte die große Motivation der S*S positive Auswirkungen auf die Ausdauer, die gerade beim Schreiben & Überarbeiten nötig ist. Ich hätte nicht erwartet, 2×3 Stunden absolute Konzentration der gesamten Gruppe im Klassenzimmer und im Computerraum erleben zu dürfen – während des Schreibens und Tippens bei unterschiedlicher Geschwindigkeit keine Selbstverständlichkeit! Das Überarbeiten war also nichts, was man künstlich anregen musste – stattdessen hörte ich mehrfach: „Frau Dromedar, ich hab das mit Ihren Tipps nochmal komplett umgeschrieben, lesen Sie mal!“ 🤩
    • Auch beim betonten Vorlesen/Zuhören zeigten die S*S große Ausdauer – wenn man bedenkt, dass diese Aufgabe gleichzeitig deswegen anstrengend war, weil sie über mehrere Stunden in ausgelosten Gruppen agierten, eine noch größere Leistung. 🏅
    • Dazu kommen hörspielspezifische Lernziele wie das Sprechen in angemessenem Tempo und das Erzeugen passender Geräusche mit den in der Schule vorhandenen Mitteln (wohl denen, die auf dem gleichen Flur einen Musiksaal haben). Hier haben wir die Brücke zum Fach Musik geschlagen. 🎵
    • Auch Kunst haben wir einbezogen: Ein Hörspiel braucht – sogar für die von den S*S vorwiegend genutzten Streamingdienste – ein passendes Cover, das mit verschiedensten Techniken gestaltet werden kann. 🎨
    • Hinzu kommt nicht zuletzt der Erwerb der technischen Kompetenzen im Umgang mit der Audioaufnahme-App, die für meine SuS zuvor keine Rolle im Alltag spielte.
  • Warum wurde die Rohfassung handschriftlich geschrieben und erst die Überarbeitung auf dem PC angefertigt?
    • #Computerraumverfügbarkeit sollte reichen, oder? Tatsächlich tun sich meine SuS aber auch mit dem Neuschreiben zur Überarbeitung noch leichter als mit der digitalen Erstellung und Überarbeitung… das muss geübt werden und ist in Kombination mit der #Computerraumverfügbarkeit ein klassischer Teufelskreis.
  • Wie sah das informelle Feedback aus?
    • Ich habe Rechtschreibung und Grammatik verbessert, aber auf die verwirrende Häufung von Korrekturzeichen verzichtet. Inhaltliche und strukturelle Fehler (z.B. Tempus-Vermischung, Häufung von Wortwiederholungen) habe ich mit verschiedenfarbigen Textmarkern markiert und Arbeitsaufträge erteilt bzw. Fragen an den Text aus Leserperspektive gestellt. Dabei habe ich mich auf max. 5 wesentliche Aspekte konzentriert.
    • Beispiele: Was denkt und fühlt die Figur in diesem Moment?/ Finde andere Begriffe für „der Junge“. etc.
  • Wie wurde die Zeit genutzt, in der SuS schon fertig waren?
    • Vom Peer-Feedback über das Erstellen von Wortfeldern zur Überarbeitung der eigenen Geschichte bis zum Lesen weiterer Gruselgeschichten war projektbezogen alles dabei. Da ich in der Klasse noch 7 andere Fächer unterrichte, war es kein großes Problem, andere Aufgaben darüber hinhaus zu finden.
  • Wie hoch war der Korrekturaufwand?
    • Da der Klassensatz jeweils bis zum nächsten Tag korrigiert werden musste, um weiterarbeiten zu können, habe ich an den Tagen mit der Rohfassung und der digitalisierten Überarbeitung tatsächlich jeweils ca. 3-4 Stunden korrigiert. (Das Sammeldokument mit den getippten Geschichten umfasst 22 Seiten.)
    • Es war aber ein anderes Korrigieren als gewöhnlich, weil der Fokus eben auf dem Hörspiel als Produkt lag und das Feedback direkt in die nächste Phase einbezogen wurde. Dementsprechend war es weniger das akribische Auffinden jedes Rechtschreibfehlers als konstruktive Kommunikation mit den Autor*innen. Aus meiner Sicht weit weniger anstrengend, gewinnbringender für die Ergebnisse und gleichzeitig befriedigender für den Korrigierenden… 😎
    • Für eine gewöhnliche Schulaufgabenkorrektur hätte ich mindestens genauso lang, eher deutlich länger gebraucht.
  • Wie wurden die Aufnahmen technisch umgesetzt?
    • Mit den Audioaufnahmeapps der Smartphones der S*S, ein paar Youtube-Geräuschen, einigen zuvor unbekannten Instrumenten aus dem Musiksaal, ungeahnten Stimmverstellungstalenten, einer Menge Humor und Improvisationstalent.
    • Und: In verschiedenen Räumen. #Luxus
  • Wie erfolgte die Benotung für das Projekt?
    • In unterschiedlich gewichteten Einzelnoten, die die jeweils benötigten Kompetenzen widerspiegeln sollten:
      • Text in Rohfassung
      • überarbeitete Version
      • Beteiligung während der Gruppenarbeit (> Reflexionsgespräch mit den S*S)
      • Betontes Vorlesen im Hörspiel
      • Beteiligung am konstruktiven Feedback

Fazit

In Anbetracht dessen, wie viel die S*S allein stemmen mussten, weil ich eben nicht überall gleichzeitig sein konnte – weder beim Schreiben, noch beim Aufnehmen – bin ich mindestens begeistert, wenn nicht sogar fasziniert, wie alles gelaufen ist. Viele der Lerneffekte hätte ich in diesem Maß nicht erwartet – am meisten gefreut hat es mich, dass dieses Projekt für die S*S vom Anfang bis zum Schluss so viel persönliche Bedeutung hatte, dass ich kaum motivieren oder gar „anschieben“ musste. Stattdessen konnte ich mich auf das konzentrieren, was man als moderner „Lerncoach“ wohl am liebsten tut: Feedback geben oder anregen und beim Finden von Lösungswegen helfen.

In jedem Fall werde ich auf dieser Sequenz in vielerlei Hinsicht aufbauen wollen – weil durch die Projektorientierung und das Hinarbeiten auf gemeinsame Produkte vieles von dem „ganz nebenbei“ erreicht wurde, was ich mir sonst auch schon mal vergeblich auf die To-Do-Liste geschrieben habe… 😉

Downloads & Materialien

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