Die Frau mit dem Dromedar

Ein Blog über Schule, wertschätzende Pädagogik, bunte Didaktik und Digitalisierung

Skizze des Hybridunterrichts

Prolog

Die Tür ist offen. Monikas Tür ist immer offen. Sperrangelweit. Ich schleiche mich ins Klassenzimmer, versuche niemanden zu stören. Natürlich bin ich nicht ganz pünktlich zum Stundenwechsel aus meinem eigenen Unterricht gekommen. Auf dem Weg zu einem der freien Plätze scanne ich die Lage: Ah, Winkelscheiben. Mathe. Das Spiel beginnt. Monika macht es vor. Sie stellt einen Winkel ein und die Kinder tun es ihr nach. Genau hinsehen, einstellen, noch einmal hinsehen, noch ein bisschen nachjustieren. Wie viel Grad sind es denn nun? Nur 10 Grad daneben? Super! 20? Auch noch akzeptabel. Ist der Winkel stumpf oder spitz? Nimm dir Zeit, schau an die Tafel, vergleiche. Keiner hetzt dich.

Wer will als nächstes an der Reihe sein? Die Zunge wird aus dem Mundwinkel gestreckt, voller Konzentration wird der Winkel eingestellt. Könnt ihr ihn sehen? Ich zeige ihn noch einmal rum. Alle raten mit, natürlich. Auch Monika. Zwanzig Grad daneben? Puh, da muss sie ein bisschen genauer hinsehen. Wie ärgerlich. Das Spiel geht weiter. Solange, bis alle einmal dran waren. Ob es einen Gewinner gibt? Danach hat keiner gefragt. Es ist auch nicht wichtig, sie sind alle mit Eifer dabei und ob jetzt da einer besser war als der andere, ist doch Nebensache.

Nach der sechsten Stunde werde ich sagen, Monika, das war toll heute Morgen, Danke, dass ich zusehen durfte! Sie wird abwiegeln, Zusehen darfst du immer, die Tür ist offen, das weißt du. Du hattest Glück, du hast uns in Hochform gesehen – die vier Stunden danach, naja, Schwamm drüber.

Ja, ich hatte Glück. Unfassbares Glück. Wenn du mich danach fragen wirst, in fünfunddreißig Jahren, wenn ich so lange im Geschäft bin, wie es Monika ist, was mich geprägt hat, was mir die Augen geöffnet hat in der Frage, was guten Unterricht ausmacht, dann werde ich dir von diesen wenigen Minuten erzählen. Ich werde keinen Didaktiker zitieren, kein Konzept aufschlagen. Ich werde dir davon erzählen, wie ich eine Lehrerin und ihre Klasse auf absoluter Augenhöhe so vertieft in ihr Lernen erlebte, dass ich mich in einen pinken Elefanten mit mintgrünen Flecken hätte verwandeln können – und gar nicht wahrgenommen worden wäre.

Dystopie der Schule

Warum ich dir dieser ganz persönliche Geschichte jetzt erzähle und nicht erst in 35 Jahren? Weil wir – und damit meine ich keinen ominösen Pluralis maiestatis – uns jetzt gerade Gedanken darüber machen, was guten Unterricht ausmacht. Zumindest gewinne ich diesen Eindruck durch den Blick in die Timelines und Kommentarspalten der Sozialen Netzwerke immer mehr.

Denn in Zeiten des Coronavirus bekommen wir – auch wenn man es auf der politischen Entscheidungsebene so betrachten mag – auf der Unterrichtsebene durch die Schulöffnungen keine Normalität zurück, im Gegenteil. Für viele erscheint es stattdessen so, dass wir zwischen zwei Varianten des Unterrichtens stehen, die in unseren Augen beide gravierende Nachteile haben: Dem begegnungseingeschränkten Distanzunterricht und dem bewegungseingeschränkten Präsenzunterricht. Es fällt schwer, aus Gründen der sprachlichen Sensibilität in Zeiten der Pandemie nicht die berühmte Metapher von Pest und Cholera anzuführen.

Die Dystopie, durch die Schulöffnungen einen Präsenzunterricht „wie im Gefängnis“ halten zu müssen, weil die Hygienevorschriften penibel einzuhalten sind, schreckt alle Lehrkräfte auf, denen es nicht nur darum geht, zu unterrichten, sondern guten Unterricht zu machen. Der Schwebezustand der Unsicherheit hat mit dem digitalen Fernunterricht begonnen und die Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts unter veränderten Bedingungen wird ihn nicht beenden.

Dass die öffentliche Diskussion ebenso wie die politischen Entscheidungen vor allem auf ein dichotomisches Verständnis offener und geschlossener Schulen fokussiert, ja, verengt werden, statt durch die Anerkennung einer komplexen Gemengelage, die von individuellen Situationen aller Beteiligten bestimmt wird, Spielräume und einen Nährboden für eine neue, eine andere, aber eine gute Schule zu schaffen, verwundert mich weniger als es sollte. Es macht mich aber betroffen, weil weder das, was gerade an digitalem Fernunterricht passiert, noch das, was als Präsenzunterricht unter den Bedingungen der Hygienevorschriften laufen wird, das beste sind, was wir aus der Situation machen können.

Wie gelingt Hybridunterricht?

Weil ich ein großer Fan davon bin, aus den Dingen das beste zu machen, bin ich mit der momentanen Situation eher unglücklich. Nicht wegen dem, was an „meiner Schule“ passiert, im Gegenteil, sondern, weil ich zu diesen unverbesserlichen Idealist*innen gehöre, die in der steten Hoffnung leben, dass sich die Dinge verbessern mögen und dass Schule es insgesamt durch eine moderne Didaktik und ein menschliches Antlitz schaffen kann, anerkannter, positiver Bestandteil einer menschlichen Biographie zu sein. (An dieser Stelle darfst du, geneigte*r Leser*in, mich gern naiv nennen. Die Kommentarfunktion ist ganz unten.) Mehr denn je geht es in dieser Zeit um Ideen – oder, um Elias Canetti zu zitieren:

Wie wenig du gelesen hast, wie wenig du kennst. Aber vom Zufall des Gelesenen hängt es ab, wer du bist.

Elias Canetti

Aus diesem Grund habe ich mir ein paar Gedanken dazu gemacht, wie denn eine gelungene Mischung aus Präsenz- und Distanzunterricht, also quasi „Hybridunterricht“ aussehen könnte.

Disclaimer

Es geht mir mit diesem Beitrag nicht darum, unbedingt eine Lanze für die schnelle Rückkehr zum Präsenzunterricht zu brechen. Meine Überlegungen orientieren sich an den aktuellen Bedingungen der schrittweisen Schulöffnung mit gleichzeitiger Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregelungen. Wer sich das Konzept ganz genau ansieht und ein wenig Ahnung vom Potenzial digitaler Medien hat (wenn man alle Beteiligten entsprechend ausstattet), erkennt schnell, dass das eigentlich auch alles digital möglich wäre – wenn man dazu bereit ist, auch auf diesen Wegen ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen.

Ganz in der Tradition vorheriger Beiträge bekommst du zur Illustration meiner Ausführungen ein paar Präsentationsfolien serviert.

Zoomen statt scrollen?

  • Wenn du nur die Folien ansehen möchtest, kannst du dies direkt auf prezi.com tun: Klick.

Mehr Input?

  • Wenn du mir gerne zuhören möchtest, wie ich meine Gedanken dazu ins Mikrofon monologisiere, hast du auf Youtube Gelegenheit: Klick. [Disclaimer: ungeschnittener Screencast ohne Nachbearbeitung!]

Wie sind unsere Bedingungen?

Was sind unsere Bedürfnisse?

Wie nutzen wir unsere Ressourcen?

Im Video erwähnt: Bob Blumes „Weltaneignungsassistent, Kleine Abhandlung“

Im Video erwähnte Inspiration: Tweet von @MrsThurner

Wie kann unser Plan aussehen?

Infografik „Exemplarischer Stundenplan“ erstellt mit Canva.

Wie begleiten wir den Prozess zum Erfolg?

Potenzial

Epilog

„Ich hätte das alles so gern von dir gelernt.“ Die Gespräche von Monika und mir kulminieren in jenen seltsamen Zeiten immer wieder in diesem Satz, der – wie wir Lehrenden wissen – einem Ritterschlag gleicht, weil das Lernen und das Wollen in dem System, in dem wir uns bewegen, nicht immer in symbiotischem Verhältnis zueinander stehen. Nur bin es plötzlich nicht mehr ich, die diesen frommen Wunsch im Konjunktiv äußert. In der vom Coronavirus auf den Kopf gestellten digitalen Schule bin mit einem Schlag ich die Expertin – nicht für Winkelscheiben und BuddyBooks, wohl aber für Apps und Tools und Didaktik auf Distanz.

Auf den ersten Blick bin ich Team Twitter und sie ist Team Tageszeitung. Sie fragt, ob ich „3 nach 9 gesehen“ hätte – ich schicke ihr den Link zum neuen Rezo-Video auf YouTube. Äußerlich sind wir Feuer und Wasser der Digitalisierungsfrage – „Neuland“ und „Digital Native“. Nie im Leben hätte uns Teacherscout24 als Kolleginnen des Jahres gematcht.

Man sollte meinen, dass die aktuellen Bedingungen, die Frage nach Präsenz- oder Distanzunterricht uns zu unversöhnlichen Kontrahentinnen gemacht hätten und dass wir uns als Anwältinnen der verschiedenen Konzepte – je nachdem, welches unseren Gewohnheiten zupass kommt – unerbittlich gegenüber stünden. Das Gegenteil ist der Fall.

Das liegt einerseits daran, dass wir beide realistisch genug sind, um zu wissen, dass guter Unterricht nichts ist, was sich mit einem Fingerschnippen erreichen lassen würde. Wir wissen, wie rar Momente wie der oben beschriebene sind und wie selten es uns gelingt, alle auf diesen größten gemeinsamen Nenner zu bringen, der davon überzeugt, „dass dieser Moment heute in der Schule toll war.“

Andererseits gibt es eben genau solche Momente momentan trotz aller Schwierigkeiten und es sind die, von denen ich ihr beim telefonischen Kaffeeklatsch besonders gern berichte:

  • Von den eher stillen Schüler*innen, die plötzlich die „lautesten“ sind, weil ihnen die asynchrone schriftliche Kommunikation eher liegt.
  • Von den kleinen schriftlichen Gesprächen, die mit Schüler*innen am Rande einer Aufgabe mit Aktualitätsbezug im Nebenfach entstehen, wo der Lehrplan gerade ein wenig vernachlässigt werden darf, weil die Kommunikationsgelegenheiten wichtiger sind.
  • Von den Schüler*innen, die viel ausgeglichener sind, weil sie ihrem Biorhythmus folgen und dann halt die Aufgaben am Abend machen.
  • Von dem, was trotz Distanz möglich ist.
  • Von dem, was die Distanz erst ermöglicht.

Viele Erfahrungen, da sind wir uns einig, hätte es ohne die Schulschließungen nicht gegeben. Reduziert man Schule in diesen Tagen also nicht auf einen vermeintlichen Gegensatz von Präsenz und Distanz, sondern auf weit grundlegendere Fragen unserer täglichen Arbeit, so finden – wer hätte es gedacht – nicht nur vermeintlich technikhörige Verfechter*innen der Digitalisierung in den Schulschließungen die Selbstverwirklichung ihrer nerdigen Hobbies.

Die gegenwärtige Situation serviert uns eine Vielzahl von Lerngelegenheiten auf dem Silbertablett und wenn wir sie zu nutzen wissen, können auch daraus Momente entstehen, in denen alle Beteiligten auf Augenhöhe so konzentriert in ihr Tun sind, dass nicht nur ein pinker Elefant mit mintgrünen Flecken am Fenster vorbeischweben könnte – vielleicht können sie sogar für einen Moment vergessen, dass die Umstände gerade alles andere als einfach sind.

Wenn wir in dieser Zeit, die nichts mit der Normalität gemein hat, nicht stur an deren vorübergehend unerreichbarer Wiederherstellung arbeiten, sondern unsere Energie auf tragfähige Konzepte verwenden, werden wir in schulischer Hinsicht hoffentlich mit einer weiteren Vermehrung dieser Lern-Gelegenheiten beschenkt.

Mögen alle Beteiligten den nötigen Mut finden, um die Türen zu öffnen, sodass in den analogen und digitalen Räumen nicht nur Prüfung und Betreuung, sondern auch guter, zeitgemäßer Unterricht stattfinden kann, für den die neuen Blickwinkel eine Bereicherung darstellen. Ich wünsche es uns und unseren Schüler*innen von Herzen.

Kristina

7 Gedanken zu „Skizze des Hybridunterrichts

  1. Ich möchte, dass dieser Text in den nächsten Ausgaben aller Lehrergewerkschafts-Zeitungen erscheint.
    Ich möchte, dass dieser Text Eingang in die Lehrerbildung findet.
    Ich möchte, dass sich alle Monikas und Kristinas in der Welt nicht mehr verstecken und
    ich möchte Danke sagen für diese Abhandlung.

  2. Herzlichen Dank für die tolle Seite!
    Ich bin Fachausbilderin (Deutsch an Gymnasien) und versuche derzeit, meine
    Referendar*innen bestmöglich zu unterstützen, gleichzeitig für meine Klasse (Jahrgang 5, 4 Kinder mit sonderpädagogischen Unterstützungsbedarfen) wichtige Strukturen zu schaffen, die Halt geben und gleichzeitig Räume öffnen. Ja, und einige finden das Lernen von zuhause klasse, und ja, das darf auch sein, ohne dass da kleine Soziopathen heranwachsen! Gruß vom Vokabellerner

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