Komplexe Bewertungen KI-unterstützt durchführen

Wie wird man der Schülerleistung über ein ganzes Schuljahr gerecht? Die einen Bundesländer sind gerade in die Ferien gestartet, die anderen – wie wir Bayern – müssen noch ein paar Noten geben, ein bisschen Unterricht machen und die ein oder andere Klassenfahrt hinter uns bringen, dann wird es aber Zeugnisse geben. Und wie jedes Jahr wird Social Media voll davon sein, dass eine Ziffer keine Persönlichkeit abbilden und keinen Lernprozess veranschaulichen kann.

Der Trend geht – das belegt auch das KMS zur Weiterentwicklung der Prüfungskultur vom 18.06.2026 – zu mehr Prozessorientierung, Bewertungen mit klaren Kompetenzrastern und mehr lernförderlichen Rückmeldungen. Zu leisten ist dieses Mehr an Dokumentation und Verschriftlichung im Arbeitsalltag nicht mit herkömmlichen Methoden. Denn einerseits zielen diese Forderungen auf eine stärkere Formalisierung der Notenbildung ab, andererseits sind die Kapazitäten für individuelles Feedback durch die Regelarbeitszeit und die Ballung des Bedarfs in Phasen mit Belastungsspitzen schlicht begrenzt.

Wir brauchen sie also, die schöne, neue Technik- und KI-Welt, wenn wir das umsetzen wollen, und: Wir dürfen es auch. Wenn wir die erhobenen Informationen datenschutzkonform anonymisieren und den Chatbot nicht die ganze Arbeit übernehmen lassen, sondern dessen Urteil selbst überprüfen. Angeregt vom neuen Schriftstück aus München, das uns auch in der Deutsch-Fachschaft inhaltlich noch beschäftigen wird, habe ich die komplexe Benotung meines P-Seminars zum Anlass genommen, mir von der KI helfen zu lassen. Dies dokumentiere ich in diesem Artikel. Zunächst werfen wir aber einen kurzen Blick darauf, was sich hinter der Behauptung, es handle sich um einen komplexen Vorgang, verbirgt:

Komplexe Bewertung?

Auch am Ende eines P-Seminars steht eine einzelne Note – im Zertifikat, das es gratis zum Zeugnis dazu gibt, sogar ohne etwaige +/- Tendenz. Deren Komponenten haben es aber in sich:

  • während die Berufspräsentation noch ein klassisches Referat ist
  • fasst die Mitarbeit im Seminar Eindrücke aus einem ganzen Schuljahr zusammen
  • und das entstandene Portfolio bietet einen Blick hinter die Kulissen der selbstständigen Arbeitsphasen
  • das Produkt schließlich liegt nicht in schriftlicher oder bildhafter Form vor, sondern besteht aus einer Performance, zu der ich mir während der zwei Workshoptage ausführliche Notizen gemacht habe.

All das soll nun möglichst hilfreich zusammengefasst und objektiv gewichtet werden. Und hier kommt die KI ins Spiel. Ich habe, weil ich die Vorzüge interaktiver HTML-Elemente nutzen wollte, Claude genutzt und dafür alle Daten mit entsprechenden Kennungen anonymisiert (siehe unten). Dann habe ich meinen kleinen Chat mit Claude begonnen.

Tipp: Anonymisierung vorliegender Datensätze mit „Suchen und Ersetzen“

Die Anonymisierung vorliegender Datensätze gelingt dann sehr einfach und schnell, wenn man die Suchen & Ersetzen-Funktion des Textverarbeitungsprogramms nutzt.

Dafür muss man allerdings bei der Dokumentation kontinuierlich dieselben Namen für die Schüler:innen verwenden. Dies ist vor allem bei doppelt vorkommenden Vornamen wichtig.

Die Funktion ist in Word im Reiter „Start“ unter „Bearbeiten“ zu finden. In ByCS-Office findet sie sich in der linken Seitenleiste.

Suchen & Ersetzen in ByCS-Office

(Zeitlicher) Rahmen

  • Für den hier dokumentierten Prozess habe ich zweieinhalb Stunden gebraucht, einzelne Trial-and-Error-Phasen inklusive.
  • Als Grundlage hatte ich:
    • knappe Notizen zur Mitarbeit aus vielen Seminarsitzungen
    • ausführliche Notizen zu den beiden Workshoptagen
    • Portfolios, die noch nicht analysiert und bewertet waren (siehe unten)
    • fertige Noten für die Berufspräsentationen (den Schüler:innen bereits bekannt)
Tipp: Portfolios in Zeiten von KI?

Klassische formalisierte Portfolios sind eine Steilvorlage für KI-Nutzung, weil sie einzelnen Schüler:innen als sinnlose Arbeitsbeschaffungsmaßnahme in Textwüstenform erscheinen. Ich habe daher in diesem Jahr meine formalen Ansprüche über Bord geworfen und ein reines Prozessportfolio gefordert: Dafür habe ich immer wieder betont, dass das Ziel ist, den Prozess so zu dokumentieren, dass mir der individuelle Anteil der Jugendlichen und ihre Arbeitsweise deutlich werden – auch und gerade dann, wenn ich in den Arbeitsphasen nicht alle im Blick haben kann. Dafür habe ich eine Mischung aus Stichpunkten und Fotos favorisiert und diese auch meistens bekommen. Gerade im Bereich der Nutzung des Instruments zur individuellen Reflexion wurden die Unterschiede deutlich.

Der knappe, aber ausreichende Arbeitsauftrag in der Lernplattform. Dokumentiert wurde der intensive Arbeitszeitraum, in dem besonders viel individuell gearbeitet wurde.

Als Tool habe ich die Tagebuch-Aktivität in der ByCS-Lernplattform genutzt, da diese einfach im Texteditor befüllt wird und beliebig oft verändert werden kann. Der Vorteil in der Darstellung aus Sicht der Lehrkraft ist zudem, dass alle Ergebnisse untereinander angezeigt und als Text oder PDF zum Abgabezeitpunkt exportiert werden können. Individuelle Punktevergaben wären auch in dieser Nutzeroberfläche möglich, auch das Feedback geht hier sehr schnell.

Prozessdokumentation: Komplexe Bewertungsbogen mit KI-Unterstützung generieren

Dem Ergebnis, das du ganz oben siehst, liegt ein Prozess zugrunde, in dessen Verlauf

  • bereits vorhandene Noten nur eingefügt
  • Notizen durch die KI für die Notenbildung zusammengefasst und analysiert
  • Kriterien für die Bewertung der Portfolios entwickelt und
  • deren Benotung mithilfe dieser Rubriken vorgenommen

wurden. Da das Vorgehen mit einem KI-Chatbot dialogisch ist, werde ich nur den Initialprompt vollständig wiedergeben und alle anderen Schritte in einer Tabelle zur Orientierung abbilden:

Du bist mein Assistent bei der Erstellung von Notenbögen für mein P-Seminar. Ich werde dir die Informationen anonymisiert, also mit Spitznamen übermitteln. 

Zuerst erkläre ich dir, wie der Notenbogen aussehen soll, damit wir die Darstellungsform klären können. Wir haben folgende Bewertungsanlässe und Gewichtungen: 
- Berufspräsentation (1-fach): Note steht bereits, wurde bekanntgegeben und muss nicht erklärt werden 
- Mitarbeit im Seminar (1-fach): Ich gebe dir die Note und ein paar Stichworte, hier soll eine kurze Erklärung erfolgen 
- Portfolio (1-fach): wurde digital und formlos in der Tagebuch-Aktivität erstellt, muss noch bewertet werden, hier brauche ich deine analytische Unterstützung, denn ich werde dir die Portfolios zeigen. Der Feedbackbogen sollte auch hier eine kurze Erklärung enthalten. 
- Produkt (2-fach): Durchgeführt wurde ein Workshop zur Extremismusprävention. Dieser bestand aus dem rahmenden Plenumsteil, in dem die Elftklässler/innen, die bewertet werden, eine Moderation durchgeführt haben.Zwischendurch haben sie Gruppenworkshops durchgeführt. Hier wirst du mich bei der Notenbildung durch die Analyse meiner Notizen unterstützen und ebenfalls einen erklärenden Part in den Bewertungsbogen aufnehmen.  

Welche Fragen hast du, bevor wir beginnen? Welche Reihenfolge empfiehlst du?
SchrittFunktion
Art der NotenvergabeKlärung Berechnungsgrundlagen (hier: 15-Punkte-Skala für Einzelnoten zur Berechnung Differenzierung; Schulnoten für das Gesamtergebnis)
Art der vorliegenden InformationenÜberblick über die vorliegenden Informationen; Eingabe einer vollständigen Liste der Spitznamen
Eintrag der Noten zur Berufspräsentation
Bewertung der Mitarbeit im SeminarEingabe der anonymisierten Notizen, Systematisierung und Notenvorschlag durch die KI, Abgleich mit der eigenen Einschätzung => Formulierung eines kurzen Feedbacks für den Bewertungsbogen
Portfolio-BewertungEntwicklung von Bewertungskriterien
Programmierung einer interaktiven HTML-Übersichtsseite mit Textexport durch die KI, sodass die einzelnen Punktzahlen nur angeklickt und Notizen ergänzt werden müssen (siehe Screenshot)
Ablaufplan – Teil 1
SchrittFunktion
Portfolio-Bewertung (Forts.)Lehrkraft geht einzelne Portfolios durch, klickt die Punktzahlen an und ergänzt Notizen
Export über „Zusammenfassung kopieren“, Einfügen in den Chatverlauf (⚠️ Die KI kann die Daten nicht automatisch übernehmen, da die Speicherung nur im Browser erfolgt!)
Analyse und Bewertung des Ergebnissesvgl. Bewertung der Mitarbeit im Seminar
Berechnung der GesamtpunktzahlAbgleich mit eigenen Notizen/Prüfung auf Kohärenz und mögliche Fehler
Ausgabe der BewertungErstellung von druckbaren PDF-Dateien für die einzelnen Schüler:innen (Spitznamen „weiß auf weiß“ drucken lassen, um diese selbst zu ergänzen) und einer Gesamtnotenübersicht für die eigenen Unterlagen
Ablaufplan – Teil 2

Pluspunkt: Formative Assessment

Ein weiterer Pluspunkt, der sich durch die KI-Nutzung mit größeren Datenmengen für die Bewertung ergibt, ist, dass es nur einen einzelnen weiteren Prompt braucht, um fundiertes Feed-forward zu generieren und echte Tipps für die Zukunft zu geben statt einer rein rückwärtsgerichteten Rückmeldung.

Auch hier habe ich mir eine Gesamtübersicht und individuelle Seiten ausgeben lassen, wodurch ich methodisch flexibel bin und die Rückmeldungen an die zur Verfügung stehende Zeit anpassen kann: Entweder ich gebe die Blätter mit der Bewertung aus oder ich nehme mir die Zeit, kleine Gespräche mit den Schüler:innen zu führen, um ihre Initiative persönlich zu würdigen. Gerade dieser Schritt wäre bei einer Arbeitsweise ohne KI-Unterstützung aus Effizienzgründen unter den Tisch gefallen.

Fazit

Die Bewertung des P-Seminars war eine Aufgabe, die mir schwer im Magen lag und für die ich mir extra ein großes Zeitfenster eingeplant hatte. Aus dem schlichten Gedanken „Es ist einen Versuch wert“ wurde schnell die Überzeugung, dass das Feedback an Struktur und Nachvollziehbarkeit gewinnt, wenn die KI mitarbeitet. In der ursprünglich veranschlagten Zeit konnte ich nun auch noch diesen Artikel schreiben und meine Erfahrungen weitergeben.

Hinzu kommen zwei große Pluspunkte:

  1. Die Einschätzungen der KI sind eine hervorragende Grundlage für den Abgleich – nicht für eine unkritische Übernahme. Allein dieser „zweite Blick“, der im Alltag aber einfach nicht umsetzbar ist, hilft, die eigenen Notenentscheidungen zu reflektieren, bevor man die Ziffern endgültig einträgt und sorgt damit für ein höheres Maß an Objektivität.
  2. Die Möglichkeit, mit wenigen Eingaben konstruktives Feed-Forward zu geben, kann ein großer Gewinn sein. Wenn dies zeiteffizient zu bewerkstelligen ist, sehe ich eine Chance für individuelle Entwicklungsschritte, die von einem Gefühl der Sinnhaftigkeit getragen werden, weil nicht nur die Endnote vorliegt, sondern auch die Bedeutung von Teilkompetenzen aufgewertet werden kann.

Freilich ist die P-Seminar-Bewertung aufgrund dieser Komponenten auf den ersten Blick ein Sonderfall. Auf den zweiten Blick verbergen sich dahinter dennoch mehrere Klassiker: Der Unterrichtsbeitrag (Mitarbeit), das Referat (Berufspräsentation) und ein Produkt (Portfolio). Wird uns die Bewertung mehrerer Komponenten durch die KI-Analyse erleichtert, ist dies ein wichtiger Grundstein, um Lernprozesse anders zu denken und dennoch der Erfordernis, eine valide Zeugnisnote vorweisen zu können, gerecht zu werden.


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