Aktuelle Ereignisse im Unterricht besprechen

Dürfen Schüler*innen für das Klima streiken? Verletzt das nicht die Schulpflicht? Sollte man die Rettung der Welt nicht lieber Experten überlassen? – Wer in die sozialen Netzwerke und in die etablierten Medien blickt, der kommt gerade nach dem gestrigen Tag nicht an den weltweiten #fridaysforfuture-Demonstrationen und Initiatorin Greta Thunberg vorbei. Während an vielen Schulen heiß diskutiert wird, wie mit den „Schulschwänzern“ umgegangen wird, gibt es sicherlich auch eine Menge anderer Bildungseinrichtungen, an denen dieses Thema eine marginale oder sogar keine Rolle spielt, weil die Schüler*innen sich im Privaten wenig mit dem beschäftigen, was Stoff für abendliche Nachrichtensendungen bietet.

Der Schule kommt die Aufgabe zu, die Lernenden zu mündigen Bürger*innen zu erziehen, umso wichtiger ist es also, sie mit aktuellen Ereignissen zu konfrontieren und ihnen auf diesem Wege zu ermöglichen, sich eine Meinung zu gesellschaftlich relevanten Themen zu bilden.

Immer wieder habe ich Kolleg*innen erlebt, die gerne über aktuelle Ereignisse gesprochen hätten, sich aber – gerade wenn es um politische Themen ging – als nicht kompetent genug betrachteten und diese Aufgabe lieber den vermeintlichen Expert*innen in Sachen politischer Bildung überlassen wollten. Dieses Gefühl des Nicht-Kompetent-Genug-Seins kann ich durchaus nachvollziehen, wenn ich mich an die erste Stunde erinnere, in der ich diese Aufgabe bewältigen wollte:

Es war kurz nach der Silvesternacht in Köln, als allerorten von sexuellen Übergriffen berichtet wurde, und ich stand vor einer 10. Klasse, in der ich Sozialkunde unterrichtete: Die Nachrichten waren zwar voll davon, aber es bot sich eine Gemengelage aus Informationen, die vor allem im Hinblick auf die Beurteilung der Lage ein reichlich kontroverses Bild boten und schnell deutlich machten, dass dieses Unterfangen mit der gewohnten Art der Stoffvermittlung rein gar nichts gemein hatte: Wenn wir unterrichten, ist der Gegenstand meistens klar einzugrenzen und vor allem ist die Sachlage geklärt. Wer aktuelle Themen besprechen will, hat kein Schulbuch zur Verfügung, das die Ergebnisse zusammenfasst, kein übersichtliches Tafelbild, mit dem man die Schüler*innen aus der Stunde entlassen kann… und trotzdem lohnt es sich gerade dann, den Lehrplan für einen Moment zu vergessen und mit den Schüler*innen die Welt außerhalb der Schultüren zu entdecken.

Es mag jetzt ein bisschen seltsam klingen, wenn ich sage, dass die „Fridays for Future“ ein ideales Einsteigerthema sind, um politische Bildung in den eigenen Unterricht zu integrieren, auch wenn das eigentliche Fachgebiet Mathematik, Biologie oder Latein sein mag. Aber es bietet sich gleich in mehrfacher Hinsicht an:

  • Da es Jugendliche sind, die streiken, ist der Lebensweltbezug inhärent, die „Was geht es mich an?“-Hürde ist denkbar gering.
  • Der Klimawandel bietet für fast jedes Fach einen thematischen Anknüpfungspunkt (z.B. Geographie: Ökologischer Fußabdruck, Englisch: Trump-Reden zur Negierung des Klimawandels, Biologie/Chemie: Treibhauseffekt, Deutsch: Argumentation zu Energieeinsparung/ Schulstreik usw.)
  • Es gibt unfassbar viel Material, auch in den in den Sozialen Medien, und dazu zahlreiche Accountbetreiber von in die Demonstrationen involvierten SuS, mit denen man kommunizieren könnte.
  • Strafrechtliche Relevanz wie beispielsweise bei den Übergriffen von Köln oder auch bei der Thematisierung von Attentaten und Amokläufen ist (unter normalen Umständen) nicht gegeben. (Diese macht Diskussionen aus meiner Erfahrung extrem emotional und erfordert es in den meisten Fällen, als Lehrende*r klar Position für den Rechtsstaat und die Demokratie zu beziehen. Nicht falsch verstehen: Das ist mega-wichtig, aber im Rahmen einer Diskussion, die trotzdem offen bleiben soll, gerade ohne Erfahrung nicht ganz einfach.)

Deswegen möchte ich als kleine Ermutigung und Anregung beschreiben, wie meine wunderbare Kollegin M. (Liebe Grüße, ich weiß, dass du mitliest! 😉 ) und ich unser kleines, sehr spontanes Teamteaching-Projekt in einer Ethik-Gruppe von Sechstklässler*innen an unserer Mittelschule aufgezogen haben:

#FridaysForFuture – Ein Unterrichtsprojekt für die Unterstufe

Einstieg

  • Unser Einstieg war eine Zeitreise, passend zur Rede von Greta Thunberg: Die Schüler*innen haben die Augen geschlossen, sind ins Jahr 2078 gereist und dann hatten sie einfach ein paar stille Minuten Zeit, um ein bisschen was zu erleben.
  • Eigentlich hatte ich nur ein paar Wortmeldungen sammeln wollen, weil sie aber so spannende Zukunftsszenarien entworfen haben, habe ich schnell begonnen, an der Tafel mitzusketchen, während sie erzählten, um sie durch Visualisierung bei der Aufmerksamkeits-Stange zu halten und die vielen Kleinigkeiten zu einem großen, bunten Bild zusammenzufügen.
  • Dann haben wir uns die Gefühle angesehen, die mit diesem Szenario einhergehen: Alt werden, morgens die Zeitung auf dem Tablet lesen, mit den Enkeln um die Häuser aus Metall und Wackelpudding spazieren gehen und den Einkauf nachhause fliegen lassen – coole Sache, fehlen nur noch Superkräfte, aber wir sind ja ohnehin unsterblich.

Erarbeitung – Kritische Betrachtung

  • Durch die Nachrichten in unserer Zukunfts-Tablet-Zeitung war schon einigermaßen klar geworden, dass die Zukunft vielleicht nicht komplett rosig sein wird. Um die Problematisierung der Zukunftsvorstellungen anzuregen, sahen wir uns – jeweils mit folgender Zusammenfassung in eigenen Worten und Raum für die Fragen der Schüler*innen verschiedene Videos an:

Sicherung zur Sichtbarmachung

Anschließend begannen die Schüler*innen in arbeitsteiliger Gruppenarbeit damit, die Elemente für unser Info-Plakat zu erstellen, das dann nach der Doppelstunde am nächsten Freitag unser Schulhaus zieren wird, damit sich auch alle anderen informieren können.

Sie bekamen dafür folgende Materialien:

Wie das dann aussehen könnte, ist der Skizze rechts zu entnehmen. Außer den erarbeiteten Ergebnissen der SuS werden wir also noch das Fridays for Future-Logo und Bilder von den letzten Demonstrationen aus der Tagespresse aufkleben.

Zwischenstand nach einer Doppelstunde

Mit einem Augenzwinkern kann ich sagen: Wenn zwei Kolleginnen am Freitag aus der 6. Stunde gehen und sagen „Ich hab richtig Lust auf die Fortsetzung nächste Woche!“, dann ist ziemlich viel gut gelaufen. 😉 Aus der Erfahrung des Sozialkunde-Unterrichts kann ich sagen, dass eine einzelne Stunde zu aktuellen Ereignissen noch lange keine politisch interessierten Schüler*innen macht. Aber mit jedem/r einzelnen Kolleg*in, die einfach mal ins kalte Wasser springt und das vom Lehrplan vorgegebene Thema eine Stunde nach hinten schiebt, um die Welt ins Klassenzimmer zu holen, wird es ein kleines bisschen unwahrscheinlicher, dass sich das Klischee von der politisch desinteressierten, hedonistischen „Jugend von heute“ halten kann…

Verallgemeinerung: Der Versuch eines Leitfadens

Rechts ist der kleine Leitfaden zu sehen, der sich aus meiner bisherigen Erfahrung mit der Besprechung aktueller Themen im Unterricht ergeben hat und der als halbwegs allgemeingültig gelten darf – ganz gleich, ob Greta Thunberg, Artikel 13 oder die traurigen Ereignisse in Christchurch: Als Einstieg genügt häufig ein Bildimpuls oder auch – ganz Oldschool, aber deswegen eindrucksvoll – die Titelseite einer aktuellen Zeitung. Anschließend verschaffe ich mir selbst immer erstmal einen Überblick über das Vorwissen und lasse die Schüler*innen erzählen (z.B. Blitzlichtrunde), was sie wissen. Es ist wichtig, dass anschließend genügend Informationen dargeboten werden, um die vorher Uninformierten nicht aus der Diskussion auszugrenzen. Geeignet sind informierende (möglichst wenig kommentierende/ argumentierende!) Artikel oder Videos aus vertrauenswürdigen Medien – je nach Altersstufe sind die tagesschau, das heute journal bzw. deren jugendlicher Ableger heute+ und logo! eine gute Adresse.

Dieses Wissen sollte grob zusammengefasst und systematisiert werden. Je älter die Schüler*innen sind, desto mehr mache ich in solchen Stunden mündlich – einfach, damit mehr geredet werden kann, denn es geht ja in diesem Moment um den Austausch. Eine schnelle Gegenüberstellung an der Tafel als Anhaltspunkt ist aber auch eine gute Stütze für jede weiterführende Diskussion.

Je kontroverser ein Thema ist, desto mehr bietet es sich auch an, unterschiedliche Standpunkte zu beleuchten, beispielsweise durch einen Blick in die Kommentarspalten sozialer Medien oder auch durch Videos, die verglichen mit den seriösen Quellen nur eine unzureichende Menge Informationen präsentieren, daraus aber ein komplett anderes Narrativ stricken.

Aber: Lehrer dürfen doch keine Meinung haben!

Immer wieder begegne ich dieser Problematik, denn es ist eine weit verbreitete Fehleinschätzung, dass Lehrende keine Meinung haben dürfen. Das ist – so formuliert – Quatsch. Wir dürfen eine Meinung haben und wir dürfen sie – als solche gekennzeichnet – auch aussprechen.

Was wir nicht dürfen ist, die Schüler*innen mit unserer Meinung zu überwältigen (vergleiche Beutelsbacher Konsens). Sie müssen die Möglichkeit haben, eine eigene Meinung zu entwickeln und ihnen darf keine andere Position aufgezwungen werden.

Außerdem darf die Meinung der Lehrenden nicht den geltenden Gesetzen und insbesondere natürlich dem Grundgesetz widersprechen. Das sollte aber für alle Lehrenden an staatlichen Schulen schon allein deswegen eine Selbstverständlichkeit darstellen, weil unser Arbeitsvertrag/die Verbeamtung die Akzeptanz der Verfassung voraussetzt. Das transparent zu machen, ist meines Erachtens auch viel wichtiger als die eigene Meinung in den Vordergrund zu stellen, denn letztlich ist das Rechtsstaatsprinzip als Schutz jedes Einzelnen gedacht, denn für jeden gelten die gleichen Gesetze und jeder hat damit auch das Recht auf ein ordentliches Verfahren.

Exkurs Rechtsstaatsprinzip: Ein prominentes Beispiel dafür, welches im Unterricht nach wie vor häufig zur Veranschaulichung herangezogen wird, ist das, was während der Ermittlung zur Ermordung Jakob von Metzlers durch Markus Gäfgen im Jahr 2002 passierte: Dem Tatverdächtigen wurde von Seiten der Ermittler Folter angedroht. Da dies deutschen Gesetzen widerspricht, handelt es sich um einen Straftatbestand, der ebenfalls gerichtlich verfolgt und geahndet wurde. Die Meinung zu vertreten, dass die Folterandrohung aufgrund der Umstände gerechtfertigt gewesen sei, widerspräche also dem Gesetz, was auch den Schüler*innen im Rahmen einer Diskussion klargemacht werden muss.

Fazit

Ich kann mich daran erinnern, dass diese Stunden in meiner eigenen Schulzeit Sternstunden waren. Nicht, weil „kein Unterricht“ gemacht und „nur geredet“ wurde, sondern weil ich selbst als Schülerin das Gefühl bekam, dass es wichtig war, sich für diese Welt zu interessieren oder in ihr mitreden zu können.

Auch die Schüler*innen, bei denen Zuhause über das Tagesgeschehen gesprochen wird, bekommen nicht automatisch einen systematischen Blickwinkel gezeigt. Sie erfahren auch nicht immer, welche gegenläufigen Meinungen es gibt. Das liegt durchaus in der Natur der Familie und deswegen sehe ich uns als Schule in der Pflicht, das Betrachten der Welt wann immer es nötig ist aktiv und mit größtmöglicher Offenheit für Positionen auf den Lehrplan zu setzen, um sie den konstruktiven Diskurs erproben zu lassen und ihre Neugier auf alles vor den Schultüren zu wecken. Wenn Schüler*innen so viel Zeit in unseren Hallen zu verbringen ohne zu streiken, sollten wir die Chance, ihren Blick in diesen Stunden zu weiten, nicht verstreichen lassen.

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