Die Frau mit dem Dromedar

Ein Blog über Schule, wertschätzende Pädagogik, bunte Didaktik und Digitalisierung

#TeachersOnTour1 an der BBS Nürnberg

Frau Dromedar on Tour

Es ist Freitagabend, Viertel vor Acht. Wäre es ein gewöhnlicher Freitag, läge ich nach einem anstrengenden, aber hoffentlich erfüllten Schultag und einem Essensdate mit <3-Kolleginnen erschlagen von den Eindrücken der Woche auf der heimischen Couch, würde die Tagesschau mich berieseln und das Fernsehprogramm geschehen lassen, mit dem Mann die Anekdoten der Woche austauschen und verdrängen, was in den Tagen des Wochenendes zu putzen und zu korrigieren sein und doch wieder nicht geschafft werden wird.

Allerdings ist der Freitag kein gewöhnlicher – aufgedreht von den Erlebnissen des Tages sitze ich im Zug und während die Menschen um mich herum versuchen, mit dem, was aus ihren Kopfhörern dringt, den geistigen Feierabend einzuläuten, will ich mit flinken Fingern über die Tastatur wuselnd (sagt mir beim Aussteigen eine sehr freundliche ältere Dame) die Eindrücke des Tages festhalten und sie in eine Konserve packen, um den „Spirit“ des Barcamps an anderen Tagen, an denen es nicht so läuft und die ein Stück Inspiration gebrauchen könnten, entkorken und genießen zu können.

Den Nachmittag habe ich an der Bertolt-Brecht-Gesamtschule in Nürnberg-Langwasser verbracht, beim von Heidi Hallier-Haselmann, Carolin Reining und Anne Weiss organisierten Barcamp „Teachers on Tour“, bei dem DIY-Networking betrieben, vorhandene Ideen ausgetauscht und neue gesponnen wurden.

DIY – Ich bastle mir ein PLN

„Do it yourself“ – das verbinde ich im ersten Moment mit Bastelschere, Kleber, Laubsäge und Farbsprühdose und mit dem Wunsch danach, etwas genau so zu haben, wie ich es mir vorstelle, statt das erstbeste Produkt von der Stange zu kaufen und damit unglücklich zu werden. Und erscheint das auch im ersten Moment mit dem Netzwerken nicht so recht zusammenzupassen, weil es da um Menschen geht statt um Sperrholz, Stoffreste und Europaletten, macht es auf den zweiten Moment umso mehr Sinn, weil ein persönliches Lernnetzwerk (PLN), das wir als lebenslange Lerner*innen alle brauchen, eben auch nichts von der Stange ist, weil –  überspitzt formuliert – im Sortiment unserer Kollegien nicht nur Menschen herumlaufen, die so beschaffen sind, dass wir uns in ihrer Gegenwart gemütlich einrichten können, um in den Austausch treten zu können, der für uns wichtig uns inspirierend ist.

Umso wichtiger ist es also, den Blick über den Tellerrand der eigenen Fächer, der Schule, der Schulart, vielleicht sogar der Region hinauszuwerfen, um das Netzwerk zu erweitern, auf Gegenstücke und Gegenteilige zu treffen – auf Tour zu gehen, physisch und im Geiste und Eindrücke zu sammeln wie Postkarten von einer Reise.

Bild: DIY, leicht antiquiert, aber hübsch anzuschauen. Free-Photos @pixabay.de

Anachronismen und ungewisse Lehrpläne

So sehr es sich anachronistisch anfühlt, im Jahr 2020 über Postkarten zu schreiben, so wenig hinkt der Vergleich bei näherem Hinsehen:

„Hier gibt es viele Sehenswürdigkeiten und tolle Strände. Das Wetter ist gut, das Essen auch! Viele Grüße und bis bald!“

Der Informationsgehalt eines Berichts über ein Barcamp, bei dem nicht einfach nur der Input aus einem der Workshops wiedergegeben wird, ist für unbeteiligte Leser*innen ähnlich nachvollziehbar wie Grüße aus Rimini – wurden Input und Diskussionen doch ebenso wenig live genossen wie Wein und Sonnenschein. Und trotzdem ist es umso wichtiger, dass er geschrieben und die Kunde vom fränkischen DIY-Networking in die Welt hinausgetragen wird.

Natürlich spielt es dabei eine Rolle, worüber gesprochen wurde, was die Themen waren, was Input und Output: Es ging um „Best Practice“-Erfahrungen zum Lernen durch Lehren und zum „Flipped Classroom“-Konzept, um MS OneNote und MS Teams für den Lehreralltag, ein Best of der digitalen Tools für den Englischunterricht, um Basics und Nicht-mehr-ganz-so-Basics auf mebis, um Selbstmanagement, Augmented Reality mit dem Merge Cube und wir diskutierten, wie die Zukunft der Schulbücher aussehen könnte und darüber, wie wir auch in Anbetracht strikter Datenschutzbestimmungen mit den Plattformen arbeiten können, die der lebensweltlichen Bubble der S*S deutlich näher sind als Arbeitsblätter, Diktate und wahrscheinlich auch mebis…

Zu keinem dieser Themen gibt es diesmal eine Sketchnote von. Und nein: Ich war nicht zu faul zum Zeichnen und ich kann es auch noch… aber es war mir in diesen dreieinhalb Stunden von viel größerer Bedeutung, im Moment zu sein, mitzudenken und auch meine eigenen Gedanken beizusteuern als eifrig alles mitzupinseln und bunt anzumalen. Auch das gibt es bei der Frau mit dem Dromedar.  

Bild: Karibik, nicht Rimini. Schaut als Postkarte einfach besser aus. PublicDomainPictures @pixabay.de

Der Überraschungseffekt des ungewissen Lehrplans ist bestimmend für das Barcamp-Format: Die Teilnehmenden werden zu Teilgebenden und im Idealfall entsteht reger Austausch anstelle eines Inputs im Format des Nürnberger Trichters, weil die Themen für die Teilgebenden persönliche Bedeutsamkeit besitzen und dadurch intrinsische Motivation entsteht.

Austausch, persönliche Bedeutsamkeit… da war doch was! Nicht etwa eine Sketchnote? Jetzt muss ich doch noch ein bisschen ausholen…

Verbindende Elemente

Im März 2019 , also vor fast einem Jahr, hatten die #EduPnx zur Beitragsparade aufgerufen und ich hatte teilnehmen wollen. Wie das Leben und der ganz normale Wahnsinn so spielen, hatte ich dies ebenso wie die auf dem iPad schlummernde Skizze zum Thema „Best Practice-Austausch #irl“ völlig vergessen. Gedankenverloren nach Inspiration suchend, fiel sie mir wieder in die Hände und mit ihr das Fazit zu diesem Artikel, meinen Gedanken über das Barcamp und zum Austausch über diese ominösen besten Dinge, über die wir im realen Leben viel öfter sprechen sollten.

„Normaler“, präbarcampoider Austausch an Schulen findet – so zumindest meine Erfahrungen, die auch die Grundlage dieser Sketchnote bilden – meist institutionalisiert/formell oder informell statt:

  • Institutionalisiert/Im formellen Rahmen schwingt sich jemand in einer Veranstaltung mit dem Wort „Fortbildung“ im Namen zum Referenten auf, liefert fachlichen Input mit eng beschriebenen Präsentationsfolien und in nur von unvorhergesehenen Zwischenfällen unterbrochenen Monologen, das Publikum labt sich in der Unfreiwilligkeit seiner Präsenz an für die fortgeschrittene Stunde zu dünn geratenem Filterkaffee und stöhnt erleichtert auf, wenn die Veranstaltung vorbei ist.
  • Informell ist meist auch Kaffee im Spiel, die Partizipation erfolgt allerdings bedeutend freiwilliger. Dafür ist die Agenda meist weniger von den interessanten und brandaktuellen Inhalten didaktischer Fachzeitschriften bestimmt als von der virulenten Frage, wie denn nun mit Joshua-Günther umzugehen sei, nachdem dieser erneut die halbe Schule mit seinen originellen Einfällen aufgemischt habe.

Alle, die am System Schule beteiligt sind, wissen (hoffentlich), dass diese beiden Beschreibungen in negativer Weise überspitzt waren: Es gibt ebenso viele interessante Fortbildungen wie gewinnbringenden Austausch zwischen Tür und Angel in der Kaffeeküche. Der Schlüssel hierzu ist nicht nur das persönliche Interesse, sondern sicherlich auch die Bereitschaft zur Partizipation und zum Feedback – sicherlich ein allgemeingültiger Schluss, wenn sich etwas zum Guten entwickeln soll.


Sketchnote: Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz.

Begrenzte Möglichkeiten

Das Konzept der Sketchnote, welches im letzten Jahr entstanden ist und von mir für diesen Beitrag gerade nicht verändert wurde, beruht auf der Annahme, dass es zwischen diesen beiden Arten des Best-Practice-Austauschs, der institutionalisierten und der informellen Form, vor allem eine Möglichkeit gibt, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken, nämlich Social Media, insbesondere das Twitterlehrerzimmer. Zwar war dieser Schluss für mich in höchstem Maße unbefriedigend, entsprach und entspricht aber wahrscheinlich der Realität zahlreicher K*K in den Lehrerzimmern der Bundesrepublik: Austausch findet vor Ort mit den eigenen K*K statt oder auf (meist regionalen) Fortbildungen zu einem bestimmten Themenbereich, der nicht zwingend deckungsgleich mit eigentlichen Interessen sein muss und in deren Rahmen die Gelegenheiten zur Diskussion deutlich begrenzt sind. Die Übertragung des Inputs auf den eigenen Unterricht ist – selbst wenn selbiger als bereichernd empfunden wird – gelegentlich aufgrund von Theorielastigkeit schwierig. Hinzu kommt, dass über Fortbildungsveranstaltungen hinaus nicht immer Kommunikationskanäle bestehen, um die Ergebnisse der Veränderungen zu präsentieren, darauf aufbauend zu diskutieren, Anerkennung zu erhalten und bei Schwierigkeiten gemeinsam Lösungswege zu entwickeln.

Ziemlich besonders

Übersetzt man „Best-Practice-Austausch“ in diesem Zusammenhang mal etwas freier mit „beste Art des Austauschs über die Praxis“, dann war die erste „Teachers on tour“-Veranstaltung der drei Damen von Diy-Networking genau das, was ich beim Zeichnen der Sketchnote tief im Innersten vermisst habe: Mit ihrer Herzlichkeit und Begeisterungsfähigkeit haben es Caro, Heidi und Anne geschafft, dass es sich wie eine vollkommene Selbstverständlichkeit (im allerbesten Sinne!) anfühlte, an einem freien Freitagnachmittag aus irgendwie ja doch beruflichen Gründen 200km durch Franken zu fahren und an einer Veranstaltung mitzuwirken, für die es zwar eine unfassbar schicke, aber nicht wirklich offizielle Teilnahmebestätigung gibt. (Umso stolzer bin ich, sie zu haben und ich hoffe sehr, dass noch weitere dazukommen werden. 😍)

(Weil ich jetzt schon im vierten Anlauf daran gescheitert bin, das Ganze als Bericht in der dritten Person fortzusetzen, wechsle ich lieber mal zur direkten Ansprache:)

Liebe Anne, Liebe Caro, Liebe Heidi,

wenn ich mir etwas für die Zukunft der Schule wünschen dürfte, dann wäre es, dass Schule ein bisschen mehr so ist wie euer 1. Teachers On Tour-Barcamp an der BBS in Nürnberg:

Ich würde mir wünschen, dass die Schüler*innen schon auf dem Weg in die Schule von begeisterten Lehrer*innen empfangen werden, die ihnen den Weg weisen und die – obwohl noch nicht alles fertig sind – große Freude ausstrahlen, dass sie gekommen sind.

Ich würde mir wünschen, dass die Schüler*innen ebenso wie ich das Gefühl hätten, willkommen zu sein und dass sie den Eindruck hätten, dass es eben doch einen Unterschied macht, mit wem man gemeinsam lernt – vielleicht, weil sie auch auf anderen Wegen miteinander in konstruktivem Kontakt stehen, so wie wir auf Twitter.

Ich würde uns wünschen, dass wir vor der harten Arbeit erstmal ankommen dürfen, sanft ins Thema einsteigen so wie wir beim Gesprächs-Walk. Und wenn sie dann noch so hervorragend verköstigt werden wie wir von den Mitwirkenden aus dem Schülercafé, die am Freitagmittag noch für uns so motiviert Leckereien gezaubert haben…nicht auszudenken, wie großartig das wäre!

Ich würde uns wünschen, dass wir in der Gestaltung unseres Unterrichts so frei und ungezwungen wären wie bei der Sessionplanung, als aus zwei Slots plötzlich drei wurden, als Caro Flexibilität an der Tafel bewies und anhand der Bereitschaft aller Anwesenden, einfach ein bisschen länger zu bleiben, intrinsische Motivation deutlich wurde, wie sie für das Lernen ungeahnte Effekte hat, wie sie aber doch zu selten anzutreffen ist.

Ich würde uns in den einzelnen Stunden die Gelegenheit wünschen, zu entscheiden, ob das, was da passiert, wirklich gerade für uns passt oder ob wir nicht anderswo besser aufgehoben sind. (Auch wenn das zu den allgemeinen Barcamp-Regeln gehört, ist doch auch eine so angenehme Atmosphäre wie an der BBS erforderlich, damit das auch geschieht.)

Ich würde uns wünschen, dass Gespräche entstehen können – wie am Rand der Sessions, ohne dass dadurch das eigentliche Thema aus dem Blick gerät, sondern dass einfach Ideen von persönlicher Bedeutung weitergesponnen werden können.

Ich würde uns wünschen, dass wir regelmäßig und nicht als Ausnahme auf so von ihrer Sache begeisterte und mitreißende Menschen treffen, die ihr Wissen und ihre Erfahrungen teilen und die spontan Projekte anstoßen wollen statt Verhinderungsdiskurse zu pflegen oder sich hinter technischen Hürden zu verstecken.

Ich würde uns wünschen, dass wir aus der Schule gehen und noch in der U-Bahn und bis an die Bahnsteigkante von den Impulsen profitieren, über noch mehr sprechen, das uns bewegt, und die Fäden weiterspinnen dürfen. (Es hat mich sehr gefreut, dich kennenzulernen, @IsabelleSLB!)

Ich wünsche mir, am 20. März am Ohm in Erlangen dabei sein zu können. Ich wünsche euch eine reibungslose Organisation dieser Folgeveranstaltung. Und ich sage von 💛🤎❤️💜💙💚🤍 -en DANKE für die viele Zeit und Mühe, die ihr in #teachersontour1 investiert habt. Es war mir ein Fest!

Kristina

PS: Sobald ich den Apple Pencil ersetzt habe, der mir tatsächlich in der Bahn abhanden gekommen ist 🙄 , werde ich sehr gerne mit euch zeichnen, bis der Akku leer ist! 🖌️🎨

Bild: Vorankündigung zur nächsten „Teachers on tour“-Veranstaltung am 20.3.2020 am Ohm-Gymnasium in Erlangen. Weitere Infos und Anmeldung bei diy-networking.de

Kristina

2 Gedanken zu „#TeachersOnTour1 an der BBS Nürnberg

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