Blogparade #1: Mein (schulisches) Motto für 2024

Es hat schon etwas von Ironie des Schicksals, denn kaum will ich diesen Post beginnen, der das erste Thema „Mein (schulisches) Motto für 2024“ der neuen Blogparade aufgreifen soll, stolpere ich über den Slogan, der mir eben noch wie die perfekte Symbiose von Pädagogik, Didaktik, Organisation und einem Hauch Privatleben erschien. Während ich im Schulunterricht immer weiß, wie ein Text zu beginnen ist, hocke ich beim Bloggen jedes Mal da wie das Kaninchen vor der Schlange und bin heilfroh darum, dass man digitale Textteile herumschieben, löschen und neu formulieren kann, wie man gerade lustig ist… „Es war einmal…“, „Der Text handelt von…“ – Ach, brauch ich ja alles gar nicht mehr! Jetzt ist er ja geschrieben, der Anfang zum Text über mein (schulisches) Motto für 2024. Es lautet: Mehr echtes Leben.

Blöderweise klingt das, wenn ich es einfach nur so hinschreibe, ein bisschen wie das Versprechen von einem schlechten Lifecoach, der einem Binsenweisheiten an den Kopf knallt und dafür, dass man sich selbst erkennt – und vielleicht noch für ein paar Produkte aus der Kategorie „Lifechanger“ – Unsummen einstreichen möchte. Blöderweise haben mir aber die besseren Worte gefehlt, weswegen ich ausnahmsweise mal auf ein englisches zurückgreifen möchte, in dem nicht nur die Echtheit, sondern auch noch einiges anderes drinsteckt, was ich mir im neuen Jahr vornehmen möchte:


genu·ine·ness 
[ˈʤenjuɪnnəs] 

wahlweise zu übersetzen mit
Echtheit, Aufrichtigkeit, Ernsthaftigkeit, Natürlichkeit, Originalität, Wahrhaftigkeit, Ungekünsteltheit, Unverfälschtheit

dict.cc

Echtheit

Mehr Echtheit wünsche ich mir für meinen Deutschunterricht. Vor dasselbe Problem, vor dem ich stand, als ich meinen Beitrag beginnen wollte, stelle ich die Schüler:innen leider – aus institutionellen Gründen – viel zu oft: Hier ist euer Thema, das ist eure Arbeitszeit, schreibt. Das soll anders werden. Durch mehr echte Schreibanlässe, mehr echte Themen, mehr echte Auswahl.

Aufrichtigkeit

Mehr Aufrichtigkeit wünsche ich mir für meinen alltäglichen Umgang mit Menschen. Und zwar meine ich damit nicht, dass ich gefälligst endlich mal mit dem Anderen-Ins-Gesicht-Lügen aufhören sollte *hier kicherndes Emoji einfügen*, sondern, dass ich mich viel zu oft dabei erwische, ein Lob nicht ausgesprochen oder ein Kompliment nicht gemacht zu haben. Dabei ist das doch genau das, was menschliches Feedback von dem einer KI unterscheiden sollte…

Ernsthaftigkeit & Natürlichkeit

Dass die Ernsthaftigkeit in der Übersetzungsliste direkt vor der Natürlichkeit steht, rettet mich davor, sie einfach unter den Tisch fallen zu lassen, denn mehr Ernsthaftigkeit brauche ich tatsächlich nicht soooo dringend. In der Kombination stehen die beiden Begriffe für mich aber für etwas, das ich in pädagogischer Hinsicht tatsächlich ernster nehmen möchte: Dass wir alle jeden Morgen mit neuen Erfahrungen aufeinandertreffen und dass es deswegen umso wichtiger ist, diese Bedingungen aufzugreifen – und sei es nur durch ein „Wie gehts euch?“ oder eine kurze Besprechung der Nachrichtenlage ganz im Sinne der „Paternosterpädagogik“ (Danke für diesen Begriff, Timo Off!) – statt einfach nur das Professionalitätsgesicht aufzusetzen und ungeachtet all dessen, was da draußen vor sich geht, weitermachen, als ob nichts wäre.

Originalität

Besonderen Spaß macht Unterricht immer dann, wenn Schüler:innen etwas Neues, Kreatives schaffen können. Die Kehrseite mancher, mittlerweile bewährter Aufgabenstellungen für eigentlich freieres Arbeiten ist aber auch, dass Freiräume geringer werden, wenn ich versuche, Fehlern und Misserfolgen vom letzten Durchgang durch größere Genauigkeit vorzubeugen. Also sollte ich mir wohl nicht nur vornehmen, die Freiräume bei bewährten Aufgaben für die Schüler:innen deutlicher zu machen, sondern selbst auch das ein oder andere neue Projekt angehen, damit mich meine eigene Selbstwirksamkeitserfahrung wieder daran erinnert, wie wichtig originelles Schaffen ist. Wunderbare Beispiele dafür habe ich auch im Blogparadenbeitrag von msbasement gelesen.

Wahrhaftigkeit

Wahrhaftigkeit ist ein ziemlich großes Wort, wahrscheinlich viel zu groß für viele der Unterrichtsstunden. Trotzdem hatte ich letztes Jahr ein Erlebnis, das ich mit genau diesem Begriff assoziiere: Bei einer Führung in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg schaffte es der Guide, nicht nur die spezifischen historischen Gegebenheiten in den Blick zu nehmen und davon zu berichten, sondern auch die menschlichen Gefühle und Charaktereigenschaften, die zu Handlungen führen, mit den Schüler:innen zu erarbeiten, indem er ihnen die Fragen stellte, die sie auch auf der Basis ihrer eigenen Erfahrungen beantworten konnten. Im Sinne der Wahrhaftigkeit nehme ich mir also vor, sokratischer zu fragen und damit mehr echte Erkenntnisse – gerade im Geschichtsunterricht – anzuregen, damit wir uns nicht nur in Gesetzen und Kriegen verlieren.

Ungekünsteltheit

Manchmal täte mir sicherlich mehr Pragmatismus nicht schlecht, sodass am Ende etwas mehr Ungekünsteltheit stünde. Es wäre beispielsweise ein wirklicher Erfolg, am Ende von 2024 mal kein Projekt auf der Festplatte zu finden, in das ich Unmengen an Zeit gesteckt, aber dann nie wirklich etwas damit angefangen habe, weil ich mir vorher nicht genau überlegt hatte, was eigentlich das (didaktische) Ziel der ganzen Geschichte ist (und ob man es mit dieser Methode wirklich erreichen kann ^^).

Andererseits verstehe ich unter „Ungekünsteltheit“ zunehmend auch, das Vorhandensein von KI-Tools nicht nur zur Kenntnis zu nehmen und zum eigenen Vorteil zu nutzen, während man im Unterricht so tut, als gäbe es das nicht, sondern daraus auch Aufgabenstellungen so weiterzuentwickeln, dass sie einerseits keine Kompetenzsimulation im Sinne eines Chinesischen Zimmers sind, andererseits aber trotzdem die Entwicklung der entsprechenden „Basis“Fertigkeiten nicht zu vernachlässigen.

Unverfälschtheit

Wenn ich „Unverfälschtheit“ lese, muss ich automatisch an Fake News/Deep Fakes denken. Diese immer wieder zu thematisieren und dadurch zu entlarven, taugt aber 2024 längst nicht mehr zum Motto, sondern ist eher als absolute Notwendigkeit zu verstehen.

Man könnte es aber auch in dem Sinne verstehen, dass man sich nicht von diesem einen Misserfolg oder Korrekturstapel, der einen gerade umtreibt, den Tag/die Woche/die Sicht auf das Leben ruinieren lässt. Da wiederum bin ich ganz bei Jan-Martin und Erik.

Ich könnte diesen Text sicherlich noch bis morgen reifen lassen und zehn weitere Revisionen vornehmen… Aber dann wären die ganzen guten Vorsätze, äh, das Motto, ja gleich dahin.

In diesem Sinne: Auf ein gutes, echtes 2024!

Meta-Infos zur Blogparade

Wenn du Lust hast, bei der Blogparade mitzumachen, dir dafür aber der Blog fehlt, kannst du mir gerne schreiben [Kontakt] – für Gastautor*innen ist hier immer ein Plätzchen frei!


Kommentare

7 Antworten zu „Blogparade #1: Mein (schulisches) Motto für 2024“

  1. […] Kristina Wahl als Frau mit dem Dromedar […]

  2. Schönes Motto!
    (Wobei ich, wenn ich das Wort „genuine“ höre, nur dran denken kann, wie vor Jahren mal im TV die Aussage „he is a very genuine person“ übersetzt wurde als „er ist halt ein genialer Typ“… 🙄 Haben die da den Praktikanten übersetzen lassen oder wen?!)

  3. […] zeitlichem Verzug richtig mitbekommen habe – u. a. Herr Mess, Halbtagsblog, Reine Leere und Frau Dromedar in der Kommentarspalte dieses Beitrags etwas […]

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