Die Frau mit dem Dromedar

Ein Blog über Schule, wertschätzende Pädagogik, bunte Didaktik und Digitalisierung

Lernen ist Zeitverschwendung! – #3weeks2learn

tl;dr Ich hab nen Zeichentrickfilm gemacht. Warum ich das gemacht habe und was ich daraus gelernt habe, erfährst du im Text. Hier geht’s zum Video.

Ich kann mir die langen Vorreden sparen. Es gibt wahrscheinlich keinen Allgemeinplatz, der noch nicht gefallen ist – selbst in der altehrwürdigen Tagesschau, in der sich die Top-Nachrichten für gewöhnlich täglich oder doch zumindest in stetig wechselndem Rhythmus die Klinke in die Hand geben, gibt es seit Wochen die immer gleichen Eröffnungsreden und wenn man Trinkspiele mit dem Wörtchen „Coronavirus“ veranstalten würde, lägen einige wahrscheinlich bereits nach dieser Viertelstunde ohne Aussicht darauf, den Abend noch einmal bei vollem Bewusstsein zu erleben, unterm Tisch.

Es ist also nicht einfach, diesen letzten Wochen gerecht zu werden. (Das ist – nüchtern betrachtet – ein eben solcher Allgemeinplatz, wie ich sie hatte vermeiden wollen…)

Die Bildungspunks, Halbtagsblogger Jan-Martin Klinge und Netzlehrer Bob Blume haben zur Beitragsparade aufgerufen und drei konstruktive Fragen gestellt, mit denen die Reflexion gelingen kann:

  • Was hat in den letzten Wochen funktioniert?
  • Was hat in den letzten Wochen nicht funktioniert?
  • Was kann man daraus lernen?

Gerne möchte ich zu dieser Beitragsparade auch einen solchen leisten. Also erlege ich mir beim Lesen der Ankündigung auf, fleißig zu reflektieren, um in einem Post zu gewinnbringenden Ergebnissen zu kommen.

Ich scheitere.

Vielleicht, weil ich diesen Zeiten selbst mehr Fragen als Antworten habe.

Vielleicht, weil ich des Tippens in diesen drei Wochen unendlich müde geworden bin.

Vielleicht, weil ein Blogpost mit drei Zwischenüberschriften gerade nicht die Form ist, in der ich meine Gedanken verarbeiten kann.

Halbschriftliches Reflektieren

Natürlich lässt mich der Gedanke nicht los, WIE ich denn nun diese spannenden, kräftezehrenden und irgendwie unwirklichen Wochen reflektieren könnte. Denn wenn ich eins weiß, dann, dass reflektieren hilft. Immer mehr beschleicht mich das Gefühl, dass ich diese Reflexion zu einer Herausforderung für mich selbst machen muss. Eben, weil diese letzten Wochen eine Herausforderung in vielfacher Hinsicht waren. Aber auch deswegen, weil mir in vielen der Gespräche mit Kolleg*innen deutlich wurde, dass ich mich durch meine digitalen Kenntnisse in einer ausgesprochen privilegierten Lage befand – Tag für Tag, Unterrichtseinheit für Unterrichtseinheit. Weil digital für mich schon vorher „ermöglichen“ bedeutete und nicht „am unüberblickbaren Technikchaos verzweifeln“.

Abends – es muss am Mittwoch gewesen sein – stelle ich völlig random zusammenhanglos fest, dass ich noch nie einen Zeichentrickfilm gemacht habe. Vielleicht kommt die Idee daher, dass meine Schwester fleißig Disney-Puzzles macht und Bilder davon schickt…vielleicht davon, dass ich in den letzten drei Wochen vermehrt kleine Erklärvideos gemacht habe – sonst eher nicht so mein Metier, weil ich meine eigene Stimme schwer, Filmaufnahmen von mir gar nicht ertrage.

Also gut, dann mache ich halt einen Zeichentrickfilm. Fünf bis zehn Minuten sind hinzukriegen, denke ich. Eine kleine Reise durchs Weltall – so, wie viele Kolleg*innen in völlig fremde Galaxien aufgebrochen sind, will ich meine Lehrkraft außerhalb der Schwerkraft – die Protagonistin des Films – reisen lassen. Ein paar Begegnungen, ein bisschen Werbung fürs Twitterlehrerzimmer… und ein fettes Dankeschön an alle, die sich auf dieses Wagnis eingelassen haben und die nicht einfach – wie in der öffentlichen Meinung gerade salonfähig – die Osterferien um drei weitere Wochen verlängert haben.

Am vergangenen Donnerstagabend stelle ich aus Freude darüber, dass meine Idee besser funktioniert, als ich dachte, alles was ich bis dahin habe, auf Twitter – 1:06 Minuten „Zeichentrickfilm“, die durch Spielerei mit PowerPoint und Sketches und einer musikalischen Anleihe aus den Weiten des großartigen Teils des Internets entstanden sind…

Die kommenden Tage verbringe ich damit, zu zeichnen, die Zeichnungen in PowerPoint einzufügen, zu texten, einem Nervenzusammenbruch nach einem unvorhergesehenen und bis heute unerklärlichen Absturz der Präsentation knapp zu entgehen und schließlich für Schnitt und Audiospur doch auf iMovie zurückzugreifen… und während ich die Vorstellung dieses Projekts einerseits unendlich liebe, weil ich es wunderschön finde, wenn diese Rakete zur Musik durchs Weltall schwebt, befällt mich gleichzeitig eine Menge zweifelnder Technikhass, wenn ich die Ursache eines Problems, von denen ich dieser Tage doch öfter welche habe als gewöhnlich, nicht direkt durchschauen kann…

3+1 weeks 2 learn

Gestern Abend – also genau eine Woche später – poste ich den Beginn des fertigen Films auf Twitter. Gleichzeitig lädt das komplette Machwerk auf Youtube hoch und allein schon die Uploaddauer verrät, dass ich mich bei diesem Film wohl ebenso wenig kurz fassen kann, wie sonst beim Schreiben. 🙈

Herausgekommen ist – das kann ich ohne Übertreibung sagen – das aufwendigste und intensivste (abgeschlossene) Projekt seit meiner Abschlussarbeit für das zweite Staatsexamen. Aus den angedachten fünf bis zehn Minuten wurden… viel mehr. Und aus dem kleinen Zeichentrickfilm wurde ein Selbstversuch wie aus dem Lehrbuch zum Thema „zeitgemäßes Lernen“.

Selbstversuch

Normalerweise kommt die Aufgabenstellung, BEVOR sie dienstbeflissen erfüllt wird. In meinem Fall ist es andersherum – ich formulierte sie soeben in dem Wissen, dass sie vollkommen anders lauten könnte – je nachdem, mit welchen aktuellen Erfahrungen und welch zeitlichem Abstand zum Geschehen man sie formuliert.

Versetzen Sie sich in die Lage digital weniger versierter Kolleg*innen und stellen Sie deren Erfahrungen der vergangenen drei Wochen mit dem „Remote Learning“ wegen der Coronakrise durch Verwendung einer geeigneten Allegorie dar.

Integrieren Sie mögliche Rückschlüsse auf die Weiterentwicklung der praktizierten Didaktik (analog und digital) im Sinne des zeitgemäßen Lernens und würdigen Sie die Leistung der Handelnden.

In dieser Woche habe ich nämlich genau das getan, was in der zeitgemäßen Didaktik immer gefordert wird: Ich habe mich in Form eines Projekts in selbstgewählter Darbietungsform mit einer komplexen Fragestellung auseinandergesetzt und diese so anschaulich wie möglich aufbereitet. Reflexion in Form eines Blogbeitrags zur Verteidigung dieser dunklen Künste inklusive…

Aber warum heißt dieser Artikel dann…

…“Lernen ist Zeitverschwendung“?

*Natürlich* ist diese Überschrift provokativ gewählt. Aber es ist schon eine Kunst, sich in den Kapriolen vollführenden Schlagzeilen der letzten 24 Stunden und der Wochen davor nicht provozieren zu lassen, wenn Prüfungen um jeden Preis fokussiert und Sommerferien gekürzt werden sollen, obwohl keiner so recht fassen kann, was heute ist, und obwohl erst recht niemand weiß, was morgen oder in ein paar Wochen sein wird.1

An den Maßstäben derer gemessen, die da Schlagzeilen machend und Klicks generierend zitiert werden, habe ich eine Woche meines Lebens an diesen Film verschwendet. Er bringt mir nichts ein. Schafft keinen Wert. Schüttet keine Dividenden aus.

Aus meiner Sicht habe ich unfassbar viel gelernt. Zeichnen. Erzählen. Animieren. Soundtracks auswählen. Schneiden. Über Allegorien und ihre Grenzen. Über mich selbst und meine Frustrationstoleranz. Das Wort „ekliptikal“.

Wahrscheinlich gebe ich dieses Wissen bald an alle, die es interessiert, weiter. Wenn ich ein bisschen darüber reflektiert habe, wie man das am besten macht. Solange gibt es ja vielleicht jemanden, der ihn gerne ansieht und seine Freude daran hat. Dann macht mich dieser Film reich – auf eine Art, die man weder messen noch auf der Bank bunkern kann.


1 Solange ich es mit Kindern und Jugendlichen zu tun habe, denen eine Anwesenheitspflicht im Präsenzunterricht Angst macht/-en könnte, weil sie im Wissen zur Schule kommen, durch ihre Anwesenheit möglicherweise sich und ihre Familien zu gefährden, werde ich von dieser Position nicht zugunsten einer „realpolitischen“, „wirtschaftsfreundlicheren“ abrücken – von den vertanen Chancen für Schulentwicklung ganz zu schweigen – sorry for that.

Kristina

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