Individualisierung als Chance für die Stärkung der Gemeinschaft

Prolog

Seit Schuljahresbeginn darf ich mit meiner ersten eigenen Klasse arbeiten und sie in fünf Fächern mit sechzehn Stunden pro Woche unterrichten. Verglichen mit der Arbeit am Gymnasium und dem dort geltenden Fachlehrerprinzip bedeutet das für meinen Unterricht tiefgreifende Veränderungen, die vor allem durch die Heterogenität der Lerngruppe, bedingt werden. In der vergangenen Woche haben wir uns auf den Weg gemacht und mit der Logbucharbeit begonnen, die es den SchülerInnen ermöglichen soll, in hohem Maße individualisiert an ihrem Lernfortschritt zu arbeiten. Darüber zu berichten, wäre verfrüht, denn noch befinden wir uns in der ersten „Trial and Error“-Phase: Wir probieren aus, wir scheitern, wir freuen uns über Erfolge und wir reflektieren ganz fleißig, was da gerade in unserem Klassenzimmer und mit den 17 Personen darin passiert. Das soll aber nicht heißen, dass es nicht ein paar allgemeine Gedanken zur Individualisierung gäbe, die ich gerne loswerden würde und deswegen veröffentliche ich heute einen Essay, der sich mit den theoretischen Hintergedanken zu diesem an Bedeutung gewinnenden pädagogisch-didaktischen Thema befasst.

Besonderer Dank für wertvolle Impulse geht an:


Selten zieht mich das Unterrichtsgeschehen so in den Bann wie dann, wenn die Lernenden auf individuellen Wegen unterwegs sind. Ob es sich dabei um SchülerInnen oder um KollegInnen im Rahmen einer Fortbildung handelt, ist zweitrangig: Werden auf Blättern und Bildschirmen Lernprozesse sichtbar, möchte ich mich am liebsten unsichtbar machen, um still und heimlich beobachten zu können, wie die Gedanken ineinandergreifen und das Ergebnis näher rückt. Weil ich als Lehrende den Weg bereits zuvor beschritten habe, ist es umso spannender, zu verfolgen, wie andere die gleiche Herausforderung bewältigen, und dabei Unterschiede und Gemeinsamkeiten bei der Wahl von Lösungswegen festzustellen.

Die Individualität von Lernprozessen

Die Bemühungen um Differenzierung zeigen, dass bereits seit längerer Zeit versucht wird, die Einheitlichkeit von Materialien und Aufgaben zu durchbrechen, um breiteren Leistungsspektren besser gerecht werden zu können. Auch die Individualität von Lernprozessen ist eigentlich keine Neuentdeckung, denn spätestens seit der „Nürnberger Trichter“ als Illusion enttarnt wurde, ist klar, dass erfolgreiches Lernen selbsttätiges Denken und Handeln erfordert.[i]

Innovativen Charakter hat dagegen das Ansinnen, diesem Wissen auch im gewohnten Unterrichtsrahmen verstärkt Rechnung zu tragen, bedeutete Unterrichtsplanung doch bisher, Medien und Methoden an die gesamte Lerngruppe anzupassen, um Ziele zu erreichen. Während bei der Differenzierung unterschiedliche Leistungsstände in den Blick genommen werden, reicht der Anspruch der Individualisierung weit darüber hinaus: Statt nur unterschiedliche Schwierigkeitsgrade zu berücksichtigen, geht es darum, die Stärken und Schwächen einzelner durch eine Vielfalt von Medien und Methoden in die Lernwege einzubinden und dadurch die Wahrscheinlichkeit für Lernerfolg zu vergrößern.[ii]

Herausforderungen durch individualisierten Unterricht

Individualisierten Unterricht zu planen ist kein einfaches Unterfangen: Will man die Entfaltung des Potenzials jedes einzelnen Lernenden anregen, müssen zunächst wie gewohnt Wissen und Kompetenzen in Unterrichtseinheiten umgesetzt werden. Hinzu kommt allerdings, dass Freiräume geschaffen werden müssen, innerhalb derer individuelle Wege beschritten werden können. Lernprozesse wiederum, die auf Wahlfreiheit basieren, benötigen mehr Zeit, ein höheres Maß an Unterstützung und sind schwieriger zu messen.

Müssen Lehrende bereits vor der Unterrichtseinheit viel Zeit und Energie auf die Organisation verwenden, stoßen sie damit schnell an Grenzen. Die Bedürfnisse in Bezug auf Medien, Materialien, Räumen und Lehrerstunden, die die individualisierte Unterrichtsplanung mit sich bringt, sprengen nicht selten den Rahmen des Möglichen. Hinzu kommt, dass das Beschreiten ungewohnten Terrains den Mut erfordert, auszuprobieren, zu evaluieren und erneut auszuprobieren, um zum bestmöglichen Ergebnis zu gelangen. In Anbetracht aller möglichen Herausforderungen und Schwierigkeiten ist daher die Überzeugtheit von Notwendigkeit und Potenzial neuer didaktischer Methoden unbedingte Voraussetzung für ihre Integration in den Unterricht. Denn sich auf sie einzulassen ist nicht weniger als die Entscheidung dafür, auf dem individuellen Lernweg als Lehrender eine neue Richtung einzuschlagen.

Talente entdecken – informelle Lernprozesse in den Blick nehmen

In einer Lerngruppe, die noch nicht sehr häufig mit individualisierten Methoden zu tun hatte, beginne ich gerne mit folgender Frage: „Was hast du zuletzt gelernt? Beschreibe diesen Prozess!“ und selbst wenn ich ausdrücklich betone, dass es um das Lernen in der Freizeit gehen soll, enthalten viele der Antworten häufig einen klaren Bezug zur Institution Schule: Während das Pauken für den Chemie-Test oder von Lateinvokabeln problemlos als „Lernen“ identifiziert werden können, fallen das Zubereiten eines Gerichts, das Wissen über die Flora Neuseelands aus einer TV-Dokumentation oder ein neuer Trick im Lieblingscomputerspiel unter den Tisch.

Dabei zeigen sich doch gerade im informellen Lernen unsere Begabungen, weil es sich eher nebenbei und unbewusst, manchmal sogar mühelos, abspielt. Soll Individualisierung gelingen und zu besseren Lernergebnissen verhelfen, müssen jene persönlichen Talente in den Blick genommen werden, die im Unterricht bisher nur eine randständige Rolle gespielt haben, um möglichen Schwächen etwas entgegenzusetzen.

Bewusstmachung der eigenen Individualität

Der Individualisierung Raum zu geben, kann als tiefgreifende Veränderung empfunden werden. Zwar gelten Lehrende häufig als EinzelkämpferInnen, weswegen eigentlich anzunehmen wäre, dass sie sich ihrer Individualität in hohem Maße bewusst sind. Allerdings werden ihre Handlungsmöglichkeiten durch einen engen institutionellen Rahmen begrenzt.

Zudem sind die Erinnerungen an die eigene Schulzeit und an die LehrerInnenausbildung eng mit der Erfahrung gruppenbasierter Lernprozesse verknüpft. Für unser Konzept von Unterricht und Lernen war der Gruppenbezug von der ersten Jahrgangsstufe an prägend und er setzt sich im Lehrerzimmer in der Einbindung in Fachschaften und Klassenteams fort. Innerhalb dieses Systems erfolgreich Prüfungen gemeistert oder gestellt zu haben, begünstigt die Überzeugung von gewohnten didaktischen Vorgehensweisen, schließlich ist unser eigener Lernerfolg eng mit deren Anwendung verknüpft. Es ist also notwendig, zunächst ein Bewusstsein für die eigene Individualität als Lernender und Lehrender zu entwickeln, um das Potenzial der Individualisierung zu erfassen und dem Prinzip im eigenen Unterricht Rechnung zu tragen.

Wahrnehmung und Nutzung didaktischer Freiräume

Dafür muss der Fokus von den engen Grenzen der verwaltungsbedingten Rahmenbedingungen auf die Gestaltung von Lernprozessen innerhalb des Unterrichts gerichtet werden. Denn dort finden sich die Freiräume, die zuvor als unabdingbare Voraussetzung für individualisiertes Lernen definiert wurden. Didaktische Entscheidungen zu treffen, bedeutet zwar einerseits, sie an die Lerngruppe anzupassen, gleichzeitig aber werden sie auch – mehr oder weniger bewusst – an die LehrerInnenpersönlichkeit angepasst. Um Lernenden etwas beizubringen, muss man auch die eigenen Fähigkeiten analysieren, um abschätzen zu können, ob man mit einer Methode professionell lehren kann. Je größer dabei das Repertoire ist, aus dem gewählt werden kann, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, erfolgreiche Lernprozesse zu initiieren. Demzufolge erweitern individualisierende Methoden die im Unterricht nutzbaren Freiräume.

Interdependenz als Lösungsansatz

Nimmt man erneut die Rahmenbedingungen des Unterrichts in den Blick, stellt sich die Frage, wie sich das Dilemma lösen lässt, individualisierende Methoden trotz der begrenzten Verfügbarkeit von Medien, Materialien, Räumen und Lehrerstunden erfolgreich integrieren zu können. Mögliche Antworten liegen in der Interdependenz[iii] der Individualisierung mit zwei weiteren Schwerpunkten der aktuellen didaktischen Diskussion: Kompetenzorientierung und Digitalisierung.

Die Kompetenzorientierung schafft durch eine verstärkte Inblicknahme der zu erwerbenden Fertigkeiten verstärkte inhaltliche Offenheit, die es ermöglicht, die Interessen der Lernenden stärker zu berücksichtigen. Die Digitalisierung indes bringt eine erhebliche Erweiterung des Repertoires von Medien und Methoden mit sich, das für den Unterricht gewinnbringend genutzt werden kann. [iv]

Das Internet hat das Monopol der Wissensvermittlung, welches die Schule lange Zeit innehatte, endgültig durchbrochen: Digitale Formate wie Lern-Apps oder YouTube-Videos begünstigen in immer stärkerem Maße die Aneignung von Wissen und Fertigkeiten im informellen Kontext. Dennoch muss dies keineswegs einen Bedeutungsverlust für die Institution Schule bedeuten: Je größer das Spektrum der Informationsquellen wird und je intensiver Lernende in der Freizeit davon Gebrauch machen, desto wichtiger ist es, diese Lernprozesse zu begleiten und den Lernenden Strategien in Form von Medienkompetenz zu vermitteln, damit sie in einer sich stetig verändernden Welt lebenslang erfolgreich und auf individuelle Bedürfnisse zugeschnitten lernen können.

Dystopien in der bildungspolitischen Debatte

In der jüngeren Vergangenheit war in der bildungspolitischen Diskussion zu beobachten, wie die Kompetenzorientierung in das Klagelied vom Wertverlust des Wissens verkehrt und im Zuge der Digitalisierung die Dystopie der „digitalen Demenz“[v] heraufbeschworen wurde. Es braucht also keine hellseherischen Fähigkeiten, um zu erahnen, dass der Individualisierung in der öffentlichen Debatte der Vorwurf gemacht werden wird, einer „Ellenbogengesellschaft“ und dem Bedeutungsverlust der Gemeinschaft Vorschub zu leisten.

Dabei erlebe ich meist das Gegenteil dieses egoistischen Rigorismus, wenn Lernwege freier gestaltet werden können als gewohnt: Gerade in und nach Unterrichtseinheiten, in denen Lernende selbstständig Wissen erwerben und Kompetenzen ausbilden, suchen sie umso häufiger das Gespräch, geben bereitwillig Feedback und bieten Gelegenheiten zum Austausch an, die sonst mühsam erbeten werden müssen.

Fazit

Die Erkenntnis der Individualität von Lernprozessen erfordert die realistische Einschätzung eigener Stärken und Schwächen. Kann man umreißen, welchen Beitrag man zu leisten fähig und auf welche Hilfen man angewiesen ist, um erfolgreich zu lernen, ist dies eine gute Ausgangslage für die Stärkung der Bedeutung der Gruppe. Ganz gleich, wie individuell ein Lernprozess gestaltet sein mag: Erst durch die Gemeinschaft und den konstruktiven Austausch [vi] können Wissen und Fähigkeiten ihre volle Strahlkraft entfalten, weil wir uns ungeachtet aller Individualität erst durch den Bezug auf andere wirklich als Menschen erfahren.


Literatur und Links

[i] Vgl. „Die Individualität des Lernens“, Interview des Stifterverbands mit Reinhard Kahl, online verfügbar unter https://www.youtube.com/watch?v=LaJkBqJcf7U&t=24s, zuletzt abgerufen am 27.1.2018.

[ii] Vgl. Charlotte Bühler Institut (Hrsg., 2016): Individualisierung und differenzierte Förderung in der Schuleingangsphase (Leitfäden zur Grundschulreform Bd. 1), Wien (Bundesministerium für Bildung), S. 17.

[iii] Vgl. Heimann, Paul/ Otto, Gunter/ Schulz, Wolfgang (1979): Unterricht: Analyse und Planung, 10. Auflage, Hannover (Schroedel).

[iv] Vgl. Puentedura, Ruben R. (2006): Transformation, technology, and education, online verfügbar unter http://www.hippasus.com/resources/tte,  zuletzt abgerufen am 27.1.2018.

[v] Vgl. Spitzer, Manfred (2012): Digitale Demenz, München (Droemer).

[vi] P21 – Partnership for 21st century learning (Hrsg., 2017): The 4Cs research series, online verfügbar unter http://www.p21.org/our-work/4cs-research-series, zuletzt abgerufen am 27.1.2018.

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Dieses Werk von Kristina Wahl (diefraumitdemdromedar.de) ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz.

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