[Die Schüler:innen] werten anhand eines erweiterten vorgegebenen Kriterienkatalogs eine Geschichtskarte aus, um die territorialen Verhältnisse in Mitteleuropa nach dem Wiener Kongress 1815 zu beschreiben und Rückschlüsse auf die machtpolitischen Verhältnisse in Deutschland und Europa zu ziehen. Sie stellen ihre Erkenntnisse mündlich oder schriftlich in einer zusammenhängenden Narration dar.

Aus dem aktuellen Geschichts-Lehrplan für die 8. Klasse

Wenn ich an meine eigene Zeit als Achtklässler:in zurückdenke, dann ist eine Geschichtskarte so ungefähr das letzte Objekt, das mir aus dem Stand zu einer zusammenhängenden Narration verholfen hätte. Dass da gelbe Flächen an roten Linien auf blaue Flächen stießen, taugte für mich ähnlich wenig als Grundlage für eine anschauliche Erlebniserzählung wie Valenzstrichformeln oder Baumdiagramme. Als ich also wegen der Kompetenzen, die ich bei meinen aktuellen Schüler:innen anbahnen soll, den Lehrplan konsultierte, blieb mir kurz die Spucke weg, denn ich sah mich schon

„Arbeitsauftrag: Verfasse auf der Basis der Schlagwörter Wiener Kongress – Restauration – Territoriale Neuordnung eine Reizwortgeschichte. Wenn du es schaffst, außerdem Mediatisierung und Pentarchie unterzubringen, bekommst du Bonuspunkte.“

an die Tafel schreiben und hilflose Blicke ernten, denn wenn das Entwickeln von Narrationen sogar für Oberstufenschüler:innen auf der Basis von Bildquellen noch eine Herausforderung darstellen kann, dann bedarf es bei Achtklässler:innen ganz bestimmt noch ein paar Hilfestellungen.

*Das ist natürlich nur Spaß. Im Jahr 2022 schreibe ich nicht mehr an die Tafel, sondern konsequent ins iPad.

Es war also höchste Zeit, die Königsdisziplin der historischen Narration wiederzubeleben: Den Lehrervortrag!

Lehrervortrag auf den Kopf gestellt

Habt ihr beim letzten Wort auch so frenetisch gejubelt? Ich möchte ja keinem Fan des Lehrervortrags auf den Schlips treten, aber in meinem Unterricht gilt schon seit dem Referendariat, dass das Kürzel „LV“ im Stundenverlaufsplan nur im äußersten Notfall zum Einsatz kommt. Das hat mehrere Gründe – allen voran, dass ich mich gar nicht mal so gern reden höre, wie es unserer Profession üblicherweise nachgesagt wird, und dass ich ein ausgesprochenes Konstruktivismus-Fangirl bin (sofern es der straffe Zeitplan zulässt).

Abgesehen davon habe ich mal eine einzige Stunde bei Michael – einem absoluten Meister des Lehrervortrags, die Sechstklässler:innen hingen seinerzeit 2016/17 nur so an seinen Lippen – Mäuschen spielen dürfen und seitdem weiß ich, dass es Dinge geben darf, die man denen überlässt, die wirklich dafür gemacht sind.

Nachdem meine Mittel für das Engagement eines mitreißenden Vortragsredners leider begrenzt sind, beschloss ich, dass dann einfach mal die Schüler:innen vortragend ran dürfen, aber eben nicht in Form von Lernen durch Lehren oder der weithin üblichen Vorstellung von Arbeitsergebnissen, sondern als Schauspieler:innen, die spontan in die Rollen von Zeremonienmeistern, Gesandten und Beobachtern schlüpfen, um den Wiener Kongress auf der Bühne bzw. vor dem Whiteboard zu einer Aufführung zu verhelfen.

Ähnlich wie in gewissen Formaten, an denen sich Menschen mit zu viel Tagesfreizeit im linearen Fernsehen erfreuen können #ScriptedReality, waren ihre Redebeiträge maximal gescripted (in anderen Worten: sie haben vorgelesen, was auf ihren Karten stand) – dafür hatten sie aber auch maximale Freude an dem, was sie taten, denn auch wenn nur wenige von ihnen bereits Theater-Erfahrung hatten, war dieses Format einfach für sie (und nicht für mich) gemacht.

Außerdem: Was bietet sich besser für ein kleines Theaterstück an als der Kongress, bei dem die zahlreichen Teilnehmenden mit unterschiedlichste politische Ziele verfolgten, während die Veranstaltung von außen hauptsächlich als „Jahrmarkt“ oder nicht enden wollender Ball wahrgenommen wurde?

Der Ablauf

  • Kurze Einführung: Thema & Vorhaben nennen
  • Rollenverteilung:
    • Möglichst allen Schüler:innen eine eigene Rolle zukommen lassen, bei mehr als 19 Schüler:innen längere Texte aufteilen oder – insbesondere bei Lernenden, die ungern vor der Klasse sprechen/auftreten: Protokollführer:innen benennen oder jemanden für den Kulissenwechsel (Präsentation) einspannen
    • Es hilft besonders, bereits beim Verteilen der Karten zu verbalisieren, ob eine Rolle in bestimmter Stimmung ist (Beispiel: Metternich hat Puls) und sie positiv anzupreisen, denn: Alle können Spaß machen, auch wenn manche mehr Spielpotenzial bieten als andere, weil sie ins Gesamtbild eingebettet sind.
  • Studierzeit: 5 Minuten, um den Text kurz üben zu lassen & sich der Rolle bewusst zu werden
  • Orientierung: Die Personen mit den Karten vor & nach dem eigenen Auftritt suchen, um Sicherheit zu haben, wann man dran ist. Nochmal auf Regieanweisungen hinweisen, damit auch ans Weitergeben gedacht wird.
  • …und Action: Der erste Durchlauf war in meiner Lerngruppe kein bisschen chaotisch (sie hatten sich in der Orientierungsphase super organisiert und das Weitergeben sehr ernst genommen), aber es ging deutlich zu flott. Ich denke, das ist normal oder zumindest nicht ungewöhnlich, wenn man es zum ersten Mal macht, weil sich ja auch eine gewisse Dynamik entwickelt und alle wollen, dass es weitergeht. Deswegen braucht man die…
  • … Rekapitulationsphase: Alle verorten die eigenen Informationen im Protokoll & sehen sich auch nochmal bei den Umsitzenden um. Wer noch viel Zeit hat, kann diese Phase ausdehnen und am Schluss schnell abhaken. Man kann aber natürlich auch die Protokollant:innen nacheinander um ihre Notizen bitten und diese gemeinsam verbessern (wenn diese eine echte Chance hatten, mitzukommen) oder im Gespräch die Verantwortlichen für die einzelnen Parts nochmal um Wiederholung bitten.

Material

Das PDF zum Durchblättern

  • Folie 1-19: Textfolien für die Schüler:innen zum Vorlesen
  • Folie 20-29: Präsentationsfolien als Hintergrund/Illustration für das Rollenspiel
  • Folie 30: Vorlage für die Sicherung
  • Folie 31: Lizenzhinweise

Download

Zum Download aller Dateien im Dromedar-Drive (Externer Link zu GoogleDrive)

Fazit

Wir machen das jetzt öfter. Warum?

  • Weil es gar nicht mal so ineffizient ist, Inhalte in einem geskripteten Vortrag durch die Schüler:innen vermitteln zu lassen? Vielleicht.
  • Weil es ihnen Spaß gemacht hat, Schlagwort „Machen wir das jetzt öfter?“ Auf jeden Fall.
  • Weil sie allein durch diese Übung aus einer Geschichtskarte in eine Narration einbetten können? Das sicher nicht. Aber sie haben durch ihre eigene Performance zumindest eine bessere Vorstellung davon gewonnen, welch ein buntes Durcheinander an Interessen mit den Linien und Farben auf der Landkarte verknüpft ist. Darauf können und werden wir aufbauen.

Disclaimer für Historiker*innen mit Schnappatmung

Abgesehen von den drei Zitaten zur Wahrnehmung des Kongresses von außen sind die Redebeiträge natürlich *nicht* authentisch, sondern eine Form der didaktischen Reduktion. Deal with it (or do your own Lehrervortrag).